Einfach weitermachen

Ich fuhr am Mittwoch abend zu Sab.
Das Probearbeiten bei dem Gynäkologen hatte ich vom Nachmittag auf den vormittag verschieben können.
Es war mir wichtig, endlich die Hörgeräteanpassung zu bekommen und zur Therapie zu gehen.
Ich traf bei Sab ein. Wir schliefen beide bald ein.
Am Donnerstag morgen frühstückte ich 2 Schokoriegel (240 kcal).
Dann aß ich vom Bahnhof-Automaten ein Twix und Apfelkuchen. Ich kaufte versehentlich 2 Twix.
Gegen 8.30 Uhr kam ich in das Gebäude, in dem auch die Praxis war.
Ich setzte das Twix auf den Briefkästen aus und betrat die Praxis.
Isa war schon da. Eigentlich öffnet die Praxis um 9 Uhr und auf diese Zeit wurde ich auch einbestellt, doch ich traute der Zugverbindung nicht.
Diesmal trug ich auch die richtige Kleidung und beim umziehen achtete ich darauf, dass sie meine Narben nicht sah.
Trotz Oberteilwechsel gelang mir das. Sie schrieb Arztberichte über den Kopfhörer.
„Erstmal, begann sie, gibt es hier keine Deppenarbeit.“
Ich verbrachte den Vormittag damit, Karten einzusortieren.
„Kannst Du das Alphabet? Ich frag das nicht, weil ich Dich für unfähig halte, sondern weil die Leute oft die Akten einfach irgendwo reingesteckt haben und wie lange das dauert, kannst Du Dir ja denken, wenn man allein ist und Patienten warten!
Ich versicherte ihr, dass ich das ordentlich machenn würde und tat es dann auch.
Manche Akten fand ich nicht, die waren dann wo anders.
Ich sortierte ein und übertrug schließlich Befunde von Briefen in die Akte.
Ich maß 2 Patienten den Blutdruck und sah beim assistieren zu.
Zerriss Kartons und brachte sie schließlich runter. Trug Urinproben von a nach b.

Ein Teil in mir hasst sämtliche Körperflüssigkeiten außer Blut.
Während dem arbeiten spürte ich dies, als hätte ich neben mir eine Person, die diesen Widerstand spürt.
Praktisch.
Ich hoffe auch, durch die Arbeit abgehärtet zu werden.
Speichel, Urin, Schweiß sind einem Teil in mir anscheinend der Graus schlechthin.
Auch während ich das schreibe, spüre ich es nicht, habe keinen Zugang dazu.
„Alters“ wird der Therapeut abends sagen und mich mit diesem Schlagwort bis jetzt zusätzlich unter Anspannung setzen.

Ich verstehe mich mit Isa. Mag sie.
Mag ich eigentlich jeden?
Ja, irgendwie schon.
Tatsächlich sind es meist die anderen, die mit mir ein Problem haben. Ich bin toleranter, introvertierter, was das angeht.
Nüchterner. Oder so. Fühle mich grad leblos. Nicht unangenehm.

Ich soll am Donnerstag nachmittag nochmal kommen.
„Wegen der Vorgeschichte“ sagt er.
Wieder eine ganze Woche.
Fahre in die andere Stadt. Hörgeräteanpassung.
Angst, nervosität, weil ich ja weiss, wie neu das ist.
Und Neues macht mir Angst, ich mag es nicht.
Oliver passt es mir an. Wir sind per Du. Ich mag ihn.
Naja, er ist halt ein Mann. Es geht.
Wir schwärmen beide für die HNO Ärztin. „Also, ich mag sie auch noch als Mann…“
schweigen
Ich mag sie als Vorbild. Als Mutter.
Klar, wie immer halt.

Bis zur Therapie habe ich noch Zeit und gehe zum Jugendtreff.
Catharina ist da und eine Freundin.
Die Freundin erzählt, dass ich eine Ärztin mal angeschnauzt hätte und ich weiss nichts davon.
Bevor die Angst mich überfallen kann wechseln wir das Thema.
Im Winter war das. „Da warst Du nicht die Stella, die ich kenne“
Nicht das erste Mal und sehr bedrohlich zu hören. Wie immer halt.
Ich bin kämpferisch gegen die Krankheit. Ich sehe Catharina an, dass sie sich freut.
Schreibe über facebook mit Sab.
Sie trinnkt.
2 Flaschen Wein.
Verspricht, nichts zu schlucken.
Toll, es ist knapp halb 5.
Ich werde wütend. Sage „Warum meldest Du Dich nicht für DBT an?“
Sie steht für Trauma auf der Warteliste, das bringt aber nichts, weil sie die Bedingungen nicht schafft!
Kein Alkohol und kein schneiden.
Sie sagt, sie wird nachdenken.

Therapie.
„Woher nehmen Sie die Kraft, zur Zeit?“
Ich lache, ich weiss es nicht.
Einfach weitermachen. Gradeaus schauen, Trümmer ausblenden, Scheuklappen tragen.

Ich falle fast vom Sitz der Straßenbahn, so müde bin ich. Es ist kurz nach 19 Uhr.
Sab ruft an. Eine Station vor dem Bahnhof. Ich kann doch übernachten.
Erleichterung.
Ich bleibe sitzen und fahre durch.
Sie sieht schrecklich aus.
Falle fast ins Bett und dämmere.
Erschöpfung, die handlungsunfähig macht, aber alles mitbekommt.
Sie erbricht sich mindestens 20 Mal.
Was erbricht sie?
Jedes Mal, wenn ich die Badtür höre denke ich, sie verletzt sich und dass ich sie aufhalten muss, aber nicht kann.
Zu k.o.
Vorwürfe.
Wenn sie sich schneidet, geht es wenigstens einem von uns besser.

WOHER KOMMT DIESER GEDANKE?
Übermüdung, Erschöpfung, ich kann nicht mehr.
Höre knistern.
Was machst Du?
Ich nehme Truxal. Nur 50!
Nein, murmle ich. Du hast es versprochen…

Schneiden.So gerne.
Die Befreiung.
Aus dem Körper schießen, frei sein. Losgelöst von dem Gefängnis aus Fleisch und Blut.
Lachen, berauschendes Glück, tiefe Schnitte, Blut, lachen.
Erlösung.

Gegen 21.45 Uhr spüre ich mich wieder. Wieder handlungsfähig.
Wir streicheln uns sehr lange.
Ihre Arme, Haare, Stirn.
Sie meine Hand.
Ihr Verletzungsdruck ist nahezu weg.
Meiner nicht.

Ich frühstücke 2 Schokoriegel (240 kcal). Gehe zur Schule und hole mein Zeugnis.
Werde wütend. Weil ich so gut bin und es nichts bringt.
Gehe in den Jugendtreff und mache 5 Kopien.
Fahre zu dem Allgemeinmediziner und bitte meine Mum um Rückruf.
„Ich bin so sauer! Ich hab keine Lust, so lange hingehalten zu werden, das kotzt mich an! Ich geh da jetzt hin und geb ihm das Zeugnis.
Ganz lieb und perfekter Eindruck, aber ich muss Dich jetzt anrufen und mir den Frust von der Seele reden, damit ich bei dem lieb und perfekt bin“
Sie bewundert mich und meine Kraft.

Unterhalte die MFA. Zeige ihr das Hörgerät.
Ich muss 30 Minuten warten. „Selbstverständlich habe ich Zeit“ lächle ich.
Zeige dem Arzt das Hörgerät.
Wir fachsimpeln darüber.
Er ist begeistert vom Zeugnis „Das bestärkt meinen Eindruck schon!“ versichert er.
Auch meine WG Bemühungen.
Mit 10 zusätzlichen Sympathiepunkten für mich verlasse ich die Praxis um 10 Kraftpunkte weniger.
Tanke die Kraft beim fressen.
Nein. Nicht wirklich.
Gehe in die wg. Wieder spüre ich, was sie beeindruckt und sage das dann.
Sie drückt mir für den Job die Daumen und ich soll mich melden.
Quasi eine Zusage, wenn ich den Job bekomme.

Bahnhof.
Ich kann nicht mehr.
Ich nehme das Hörgerät ab.
Besser.

Zug entfällt.
Ich nehme den ICE. „Habe ein wichtiges Vorstellungsgespräch!!!“
„Steigen Sie ein“
Sitze bei einer Mutter mit kleinem Jungen.
„Wir fahren in Urlaub!!!“ kräht er.
Sie ist am Randde des Nervenzusammenbruchs. „Wir sind seit 8 Uhr unterwegs!“
Was musst Du auch durch ganz Deutschland fahren um mit einem Kind und der halben Wohnung Urlaub zu machen!?
Geschlafen hätte sie auch seit 2 Tagen nicht mehr.
„Koffein ist da aber nicht grade sinnvoll“ kann ich mir nicht verkneifen angesichts des Red bull Energys.
Sie schnauzt den Jungen an, als er was sagt. Der Schaffner verkündet, dass der Zug aufgrund der Verspätung von 60 Minuten nicht bis ans Ende fährt, sondern 2 Stationen davor hält.
Sie schnauzt ihr Kind an und er schaut verletzt und hilflos.
Und ich fühle Wut und Ohnmacht.
Bespaße auf der 30 minütigen Fahrt den Kleinen.
Sie hetzt unnötig herum.
„Ich helfe Dir, okay!?“ sage ich mit unterdrückter Wut. Sie soll einfach aufhören, wegen nichts rumzustressen.
Sie muss mit dem Kind und der halben Wohnung nichtmal durch die Unterführung, sondern nur nach gegenüber!
Obwohl ich sage, dass sie ZEIT hat (8 Minuten für 10 Meter) schnappt sie den Kleinen und stellt sich an die Tür.
Der Kleine macht alles mit einer Engelsgeduld mit und ich schließe erschöpft die Augen.

Ich sitze im Zug nach Hause.
Endlich.

Ich bin sehr erschöpft und ausgelaugt.

„Was würde Dir denn heute noch gut tun?“ Mama
Schneiden denke ich. Brechen. Essen und brechen.
Der Gedanke macht mich traurig, gleichzeitig fühle mich etwas stumpf vor ausgelaugt-sein.
Ich esse weiter.
Es gibt Tortellini. Ich bin satt, aber egal. „Baden“ sage ich. Das habe ich sowieso schon vor gehabt.
„Und morgen? Das WE?“ fragt sie.
„Jeden Tag etwas Gutes für Dich, wegen der Anstrengungen“
„Hmm. Ja … mal gucken … “
Brechen denke ich.
„Fbielst Du mit mir Fkibbo?“
„Nein, Alter und hör auf so zu reden!“
lachen
Das ist überhaupt nicht witzig, dass hab ich schon tausendmal gesagt, das ist einfach nur behindert!“
„Nicht behindert“ murrt sie gekränkt „vllt doof, aber niiicht behindert“
:willnicht: :willnicht: :willnicht: :willnicht: :willnicht:Ob wir das andere Kartenspiel spielen.
Ja. Sie mischt und ich kotze.

Essen. Brechen.
Verachtung und Wut gegenüber meiner Mum. Annika sagt, ich idealisiere meinen Dad grundlos.
Das, was ich von ihm zu viel idealisiere, werte ich bei meiner Mum ab.
Zu unrecht.
Ich weiss das, aber die Gefühle sind stärker.

Ein Essanfall wäre toll denke ich.
Nein! Wenn Du jetzt nachgibst, sitzt Du in 5 jahren wieder in der Klinik.
Keine Symptomverschiebung!
Der Rückfall nach dem Abendessen genügt!

22:24 Uhr
Die erhoffte Schreibflut ist befriedigt.
Schreiben und schneiden hat den ähnlichen Effekt, nur dass schreiben halt länger dauert.
Es ist nicht das schnelle Glück, damit kann ich jetzt leben.
Für den Moment.
Bis zum nächtsen Mal.
Einfach weitermachen.

Ich fühle mich wie der Riese, der einen Stein einen Berg raufrollen muss.
Ja, es ist absehbar.
Und wenn beide absagen?
Wenn ich NICHS habe ab Sommer?

Dann habe ich ein Zeugnis mit Einsern und Zweiern, Versetzung und LOB und kann drauf scheißen.

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One Response to Einfach weitermachen

  1. Sab sagt:

    hey süße,

    total blöd, dass du mich Donnerstag so gesehn hast. Tut mir voll leid.
    So dreckig gings mir nach dem Trinken schon lange nicht mehr.

    Und außerdem kannst du echt stolz sein darauf, wie du das alles hinbekommst. Und ich drück dir so die Daumen, dass du ne Stelle kriegst… Ich bin megastolz auf dich. du hältst dich so super…

    Ich bewunder das ein bisschen, weil ich das nicht schaffe. Du bist so stark!

    ich hab dich lieb, und gib nicht auf.
    Sab

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