illness

Das könnte Selbstverletzungstechnisch triggern, also bitte vorsichtig sein beim lesen.

Nachdem ich wusste, dass ich weg ziehen würde, habe ich mir eine „Frist“ gesetzt.
Ab dem Umzug höre ich auch, mich selbst zu verletzen. Bis dahin waren es noch 10 Tage. In der Zeit war ich dreimal in der Chirurgie und wurde im Anschluss über Nacht behalten. Ich bin gerade mal 22 Jahre alt und der Körper könnte kaum lauter gegen diese Zumutungen protestieren. Er kann einfach nicht mehr und ich möchte ihm das wirklich nicht weiter antun. Der hat schon so viel mitgemacht…
Letztes Jahr bin ich auf dem Heimweg nach dem nähen an einer Bahnhaltestelle eingetrübt. Ich war nicht ohnmächtig, aber ich hatte einfach keine Kraft mehr, mich zu bewegen und lag da, habe aber noch die Umgebung wahrgenommen.
Die meisten Leute gingen einfach weiter und lachten, dass ich es auf der Bank wohl bequem hätte. Hin und wieder wurde es kurz besser, aber dann war keiner in der Nähe. Dann wurde es wieder schlechter.
Irgendwann ging es besser und es war jemand in der Nähe. Die habe ich angesprochen und geweint, gesagt ich hätte Kreislaufprobleme. Die haben den Rettungsdienst alarmiert. Ich hatte gerade noch 35°

Die hb Werte gingen in den Keller. Innerhalb von fast 3 Wochen von 11,5 auf 7.
Erst 10, dann 8, dann 7.
Mit 10 schaffte ich es heim. Mit 8 wollte der Kreislauf nicht mehr, die Sättigung ging auf bis zu 87% runter. Sauerstoffbrille, Infusion. Ich durfte am morgen heim. Die Eisenpräparate nahm ich immer.
Ich fühlte mich zerrissen, wünschte mir das Gefühl der Verletzung mit allen Konsequenzen so sehr und doch tat mir der Körper leid. Ich bin es einfach gewohnt, dass mein Körper als Ventil benutzt wird. Aber ich kann es besser!
Man kann doofe Gefühle auch aushalten, das geht!
Und irgendjemandes Körper verletzen ist gemein. Kinderkörper…
Wenn ich mich verletze ist es wie eine Reinszinierung von Erlebtem. Bloß einen Unterschied gibt es: Es wird sich heute um die Verletzungen gekümmert.
Bei dem hb von 7 bekam ich auf meinen Vorschlag hin eine Eiseninfusion. Es war ein Freitag und ich bat darum, zu gehen. Ich durfte. Ich versprach, am Wochenende nichts zu machen.
Der Chirurg legte mir nahe, mich zu schonen. Ich schleppte mich heim und brauchte Ewigkeiten. Dann schlief ich sehr viel. Am Montag..
Ich kämpfte nicht gegen das Verlangen. Obwohl ich Angst hatte, dass mir was passiert.
Dass ich umkippe und verblute. Ich war ironischerweise vorsichtig. Wenn ich verletzt bin, gehe ich ziemlich vorsichtig und lieb mit mir um. Dennoch sehe ich die Verletzung nicht als Gewalt gegen mich in diesem Moment. Darum kann man sich durchaus vorsichtig verletzen und aufpassen.
An kam ich wieder.
Auch die erste Stunde ging, danach kippte ich weg. Meine Vermutung ist, dass die Betäubung mir auf den Kreislauf schlägt. Zusätzlich zu dem Stress des akuten Blutverlustes und der Anämie.
Ich schaffe keine Bewegung mehr, keine Kraft, zu wenig Sauerstoff, doch es ist mir egal. Fühle mich losgelöst, merke, dass mein Atem viel zu flach ist, kann nichts dagegen tun. „Stella??? Frau K???“
Der Chirurg versucht, mir einen Zugang zu legen. Zwei Mal.
„Hol mal die Narkoseärztin“ sagt er zur Schwester. Sie kommt „Die ist mir während der Wundversorgung weggepennt“ erklärt er.
„Na super. Ist sie noch woanders in Behandlung außer der Chirurgie?“
Nach Aufforderung halte ich die Augen kurz offen, aber nicht lange. Ich versuche es, aber ich kann nicht. Ich schaffe es auch nicht, tief einzuatmen. Mir fehlt für alles die Kraft.
Die Ärztin streichelt mir über Arm und Gesicht.

Gegen Mitternacht wird es besser. Ich habe wieder Kraft. Die Infusion läuft auf schnellster Stufe. Ich habe wieder eine O2 Brille und langsam steigt die Sättigung auch wieder.
Ich setze mich auf. Im Raum neben mir wird gerade eine Punktion durchgeführt. Eine Zeit später kommt er rein.
„Stella, ich hab mit den Kollegen der Psychiatrie gesprochen. So geht es echt nicht weiter! Ich weiss, dass du dich mit den Verletzungen nicht umbringen willst, aber dennoch haben sie ein Maß angenommen, dass es lebensbedrohlich ist. Du warst vorhin schon sehr gut weg, es war nicht kritisch, aber es reicht!“
Ich schweige, höre zu. Es ist viel. Er redet noch mehr, aber ich kann es nicht vernünftig aufnehmen. Von Einweisung ist die Rede. „Fühlst du dich jetzt angepisst? Über deinen Kopf hinweggesetzt?“
„Nein!!“ versichere ich.
„Hast Du noch eine Frage?“
Ich muss auf die Toilette. Bitte darum, laufen zu dürfen. Dass es klappt erleichtert mich. Ich habe wieder die Kontrolle. Die Schwester fährt mich auf Station. Es ist das dritte Mal, dass ich dort bin. Die Schwester kennt mich.
„Was ist heute passiert?“ fragt sie streng.
Die Frage verwirrt mich. „Das Übliche…“ sage ich vage. Eigentlich könnte ich direkt weiter schneiden.
Bekomme weiter Sauerstoff und 2 Liter Flüssigkeit über Nacht. Trotzdem bleibt die Sättigung zu tief. „Aber ich spüre überhaupt nichts. Keinen Sauerstoffmangel“ sage ich verwundert.
Die Schwester meint, ich hätte durch die Verletzungen sehr viel Adrenalin im Körper. Ich schlafe.
Es ist Dienstag. Sie reden auf mich ein. Ich soll in die Klinik.
Doch der Umzug ist mir wichtig. „In deinem Zustand schaffst du sowieso keinen Umzug“ prophezeit eine andere Chirurgin. Da ich nicht freiwillig in die Klinik möchte, kommt der Begriff Zwangseinweisung ins Spiel.
Aus ihrer Sicht kann ich es absolut verstehen. Wenn ich mich nochmal verletzen und etwas passieren würde, wären die dran. Ich dagegen versichere, mich nicht mehr zu verletzen, worauf sich keiner verlassen möchte.
Manchmal haben beide Seiten recht.
Als letztes bitte ich, zu meinem Psychiater zu können, der würde mich laufen lassen. Das glauben die nicht und da ich vernünftig bin und das ganze ja schon kenne, gehe ich selbstverständlich freiwillig mit und bekomme am nächsten Tag grünes Licht für den Umzug.

Nun bin ich hier und den sechsten Tag verletzungsfrei.
Es bestätigt sich so, wie ich es erwartet habe. Das Verlangen ist relativ stark.
Ich habe Fäden gezogen. Ich hatte an den Beinen 237 und am Arm 9.
Meiner Statistik zufolge wurde ich jedesmal mit etwas über 80 Stichen genäht, aber der emotionale Bezug dazu fehlt. In mir ist starke Melancholie und ich sehe eher pessimistisch in die Zukunft. Ein Leben, ohne sich selbst zu verletzen?

Und das mit 22 Jahren.
Fühle mich grad etwas neben mir stehend und konfus, aber nicht schlimm.

Ich habe Ziele. Und egal, wie absurd sie mir im Moment erscheinen mögen, gibt es eine Garantie: Mit der Symptomatik werde ich sie nicht erreichen.
Habe kopfnebel, aber der darf sein. Ist schon nicht so angenehm und mit einer Verletzung wäre er weg, aber ich lasse ihn zu und warte darauf, dass er weg geht.
Er wird weg gehen.
Gefühle sind endlich!!! Sie kommen und gehen.
Wenn ich in 2 Jahren nicht davon weg bin, bedeutet es, dass ich mich die Hälfte meiner Lebenszeit selbst verletze.
Und ich will das nicht!!!

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8 Responses to illness

  1. sab sagt:

    hey süße,

    6 Tage ist doch schon mal ganz gut.
    Du kannst das auch weiterhin schaffen, ich glaub an dich.
    und ja, du willst sicher nicht die hälfte deines Lebens damit zubringen, dich selbst zu verletzen.
    Das hab ich schon hinter mir. Mehr als die Hälfte meines Lebens.
    und es ist beschissen.
    mit 27 sollte man meinen, dass ich mich unter Kontrolle hätte. Aber nein… es passiert immer wieder.
    Also gib gut auf dich acht! ich denk an dich!!

  2. snoopylife sagt:

    so übel hatte ich das nie, aber was ähnliches. es ist keine frage des alters. sondern der inneren stärke. die man früher – oder auch später, mit oder ohne fremde hilfe erreichen kann. ich glaube an dich! ich habs auch geschafft! lieben gruß und alles gute – snoopy

  3. DecemberKid sagt:

    Was ich gerade denke: ich will auch!!!
    Sorry…

    • stellinchen sagt:

      Ich weiss, Liebes. Ich will auch. Sooo sehr. Aber was ich eigentlich sagen wollte (kommt grad nicht so raus): Sogar an diesem Montag hätte ich problemlos weiter machen können, wenn der Körper es mitgemacht hätte.
      Der Drang wird immer stärker, du brauchst immer größere „Dosen“ um den gewünschten Effekt zu erzielen. Und je länger man dabei ist, desto schwerer wird der Ausstieg -.-
      *drück dich*
      Bleib stark! Ich tue es auch O.o -.-

  4. Schnettel sagt:

    Ich hoffe, es klingt nicht platt und soll es auch nicht aber ich denke an dich und drücke dir die Daumen. Jeder Tag zählt und 24 Stunden ohne Schnitte sind ein Erfolg für sich! Irgendwann wird es bestimmt für dich auch leichter, Verletzungsfrei zu bleiben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung in einer anderen Sache. Auf der anderen Seite, finde ich es bewundernswert, wie du dich um Arbeit bzw. um eine Ausbildung bemühst und auch immer wieder was erreichst. Hm, diese Stärke müsste man jetzt einfach auf den Körper bzw. den Geist übertragen können.

    • stellinchen sagt:

      Hallo, schön ich wieder zu lesen! :)
      Nein, das klingt gar nicht platt. Im Gegenteil, mir gibt das immer einen Schub, sowas zu lesen. Es berührt mich. :)
      Da hast du recht.. Wird schon! (jetzt bin ich platt *g*)

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