Chirurgen

Die Sitzung ist ausgefallen, die vom Job ruft nächsten Mittwoch an. Das ist schwer für mich. Wartezeiten mag ich gar nicht…

Wie jeden Abend fühle ich mich leer. Ich denke so viel. Alles kommt mir immer mehr und mehr und mehr vor wie eine komplette Reinszinierung von damals.
Die Chirurgie…
Schritt 1) Stress, der sich über Tage anstaut, größer und bedrohlicher wird
Schritt 2) Stressabbau am Körper. Dem größten Organ. Dem Grenzorgan
Schritt 3) Besänftigung oder auch nicht – kümmern oder auch nicht
Schritt 4) in der Ambulanz sitzen alleine sein, da sitzen, liegen, leiseleiseleise sein
Schritt 5) netter Chirurg der Druck ist raus, die Angst auch. Es geht seinen normalen Gang. Die Gefahr ist wieder gebannt, für..?
Schritt 6) „schlechter“ Chirurg, gereizt, angespannt Es hat nicht gereicht, die Stimmung bleibt geladen, jede Faser strömt Aggression aus. Minenfeld. Ich gehe in ähnlicher Alarmbereitschaft nach Hause. Doch durch die Selbstverletzung geht es mir dennoch besser als kurz davor. Davor war der Stress vllt bei 80 von 100, durch die Verletzung auf 30, durch die Angst in der Behandlung wieder auf 70, ABER sie ebbt schnell ab, wenn ich da weg komme. Die Angst ist begründbar: Angst vor dem Chirurgen. Bin ich weg, bin ich sicher. Anders als bei der Trauma-Angst: Da ist die Gefahrenquelle auch weg, fühlt sich jedoch dauerpräsent an, bzw. nimmt an Intensität zu.

Sitze im Warteraum, angespannt, wer ist da?
Früher.. war es immer unberechenbar. Komme rein und spüre erstmal, wie die Stimmung ist. 10 verschiedene Möglichkeiten der Personalbesetzung, wer grad Dienst hat. 15 verschiedene Möglichkeiten, wie die Stimmung ist und sich entwickelt.

Es gibt für mich keine intimere Sache, als genäht-werden.
KEINER! kam mir jemals so nah, OHNE mich zu verletzen. Die Chirurgen hocken Ewigkeiten nah an mir dran und reparieren meine Haut. Sie versorgen beabsichtigt zugefügte Wunden. Verletzungen, die aus einer gefühlsmäßigen Eskalation heraus entstanden sind.
Vor allem die Vergötterte doch auch Andere fanden es furchtbar, was ich mir antue. Keiner regt sich auf, wenn mir weh getan wurde.
Catharina „Der strafende, cholerische Anteil von früher muss irgendwie aus dir raus!“

Ständig fallen mir solche Sachen ein, wo ich nun auf Entzug bin.
Vieles ist schwer erträglich, ich bin oft leer und apathisch deswegen. Selbstschutz, der so wunderbar funktioniert.
Erst jetzt kommt mir auch der Zusammenhang, dass ich es immer eher als angenehm empfunden habe, wenn die Chirurgin wegen den Verletzungen flucht. Sie meinte mich, aber es traf den schlechten Anteil. Sie schützte mich. „Mach ENDLICH ne Therapie, das ist doch kein Zustand…“ Es fühlte sich an wie „Mach ein Antigewalt Seminar, es ist tabu, sich an kleinen Kindern abzureagieren.“
So fühlte es sich an.
Unterschiedliche Chirurgen als Reinszinierung der Elternerlebnisse…

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4 Responses to Chirurgen

  1. stega sagt:

    das „Problem“ bei den Chirurgen: sie kümmern sich eigentlich nicht darum, WARUM du dich verletzt hast, sondern sehen in dir einen weiteren Patienten, der genäht werden muss (und dadurch v.a. bei stressigen Zeiten und voller Auslastung der Notaufnahme mit Patienten) enorm viel Zeit kostet. Was Psychologen/Psychiater im Studium und später dann predigen, dass man sich mit den patienten über die Gründe unterhalten soll – das ist einfach nicht so, wie es in der Realität läuft (und oftmals laufen kann).

    Aber so wie du das schreibst ist es sehr eindrücklich zu sehen, dass es auch auf die Versorgung im KH ankommt, ob du danach „abreagiert“ bist oder wie vor der Selbstverletzung wieder voll geladen mit Energie gegen dich selbst nach Hause gehst – jetzt mit ein paar Fäden im Arm.

    • stellinchen sagt:

      Huhu

      :wink:

      ich finde es absolut okay, wenn „nur“ genäht wird. Alles ist sicher, solange ruhig genäht wird.
      Kritisch wird es, wenn sauer reagiert wird, wie bei Sabira. „Such dir eine andere Freizeitbeschäftigung – Als ob wir nichts besseres zu tun hätten………“
      Ich habe sie in das Krankenhaus überredet und kenne die eine Ärztin, die immer so drauf ist, das hat sie bei mir auch gemacht, aber ich gebe Kontra.
      Oder schaffe es anscheinend irgendwie (so doof sich das anhört, auch mal mit vorwursvoll hochgezogenen Augenbrauen), dass sie sofort aufhört. Sabira kann das aber nicht, sie leidet.
      Ich bin selbstbewusster, kann mich auch davon distanzieren, zum linken Ohr rein, zum rechten raus, aber sie nicht.
      Und das finde ich sooo mies!
      Auf Leute, die am Boden liegen, tritt man nicht! Ich hatte schon „alles“ an Chirurgen, nette bis herzliche, fürsorgliche, Welche mit schwarzem Humor, den ich witzig finde und die, die einen als zusätzliche Belastung ansehen.
      Klar – ist man auch. Ist jeder Patient. Aber wenn man Chirurg werden will gehören Ambulanzdienste halt dazu, das ist einfach Pech.
      Ich war mal in einem KH, da hat mich ein Pfleger genäht, der das voll cool fand ^^ Aber in dem anderen KH war eine Schwester die sagte, sie könnte mich auch nähen, dürfte es aber nicht.
      Für mich ist es zu kurzsichtig gedacht. Man denkt sich „Scheiße, Selbstverletzung. Da hock ich x Stunden dran und morgen kommt er wieder“
      Aber mein Gott, es macht halt im Leben nicht immer alles Spaß, das bekommt man idR als 3-6 jähriger beigebracht.
      Man kann sich auch dafür einsetzen, dass Pflegekräfte nähen dürfen – Ästhetik ist ja ehrlich gesagt zweitrangig bei sowas, oder sich chirurgische Tacker zulegen, geht schneller.
      Man kann sich allgemein aktiv für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen, nicht nur kürzere Schichten, sondern auch einen Springer, falls tatsächlich jemand mehrere Stunden beansprucht.

      Puh, lang ^^
      Chirurgen sollten auf SICH achten. Haben sie Lust, mit dem Patienten über irgendwas zu quatschen oder interessieren sie sich für die Gründe – nachfragen.
      Hat man keine Lust, ist genervt, lässt man es halt.
      Aber sich am schwächsten „Glied“ der Kette abzureagieren ist schlecht.

      Ja, auch.
      Sabira traut sich eigentlich nicht in die Ambulanz wegen sowas 😦
      Und die Meisten von den Betroffenen haben massive Grenzverletzungen erlebt, von daher ist es nicht verwunderlich, dass es schwierig ist, die Näherei. Grenzorgan halt.

      So, ich habe fertig 😉 *g*

  2. stellinchen sagt:

    Gern 😉
    Nja, ich finde, Kommunikation ist sooo wichtig. Der Weltfrieden [ jaja, olle Idealistin xDD ] beginnt bei der Völkerverständigung – erfolgreiche Kommunikation ^^

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