Winter 2011/12

In den Tagen um Neujahr 2012 erreichte ich Kerstin. Ich rief sie an, und sie nahm ab, was eine echte Seltenheit ist!
Im Winter 2010/2011 waren wir zusammen auf einer DBT Station.
Obwohl sie doppelt so alt ist wie ich, standen wir uns immer relativ nahe, auch wenn wir nicht so viel redeten.
Doch uns betrafen ähnliche Themen.
Tabletten.
Kerstin ist leidenschaftliche Hauptschullehrerin. „Ich bin halt streng“, sagt sie und das kann ich mir absolut vorstellen. Dabei habe ich sie zugleich als warm, sensibel und einfühlsam wahrgenommen.
Sprich – genau das, was Pubertierende brauchen.
Grenzen.
Was ihr immmer zugesetzt hat, war die Aussicht, berentet zu werden, wenn sie zu oft ausfällt.

Spontan fragte ich sie, was sie am 2. vorhätte.
An diesem Tag würden mein Vater und ich abreisen, ich hatte einen Termin in der Stadt und er musste wieder arbeiten.
Im Ausland, wo er um die 5 Stunden Fahrtweg hat.
Unterwegs wollte ich bei Kerstin aussteigen und übernachten. Ich vermisste sie, wollte sie mal wieder sehen, nachdem wir ein knappes Jahr lang nur sporadischen – dann jedoch intensiven – Briefkontakt hatten.

Es klappte.
Irgendwie kamen wir doch wieder zum Thema Tabletten. Ich erzählte, dass ich seit 18 Monaten nicht mehr intoxikiert war, was sie bewunderte.
Und doch – wir waren beide nicht ganz destruktiv, aber leider auch nicht ganz konstruktiv.
Sie erzählte mir, dass sie Tabletten hätte, die bei Überdosierung Ohnmacht auslösen würden.
Ohne nachzudenken sagte ich „Ich wäre auch gerne mal ohnmächtig“
Sie sagte „Okay, ich geb Dir morgen welche mit“

Heiße Sache!
Und ich fühlte mich gespalten zwischen Experimentierfreude und der warnenden Stimme in meinem Kopf. „Erinner mich morgen dran“ sagte sie.
Ich nahm mir vor, es nicht zu tun.
50:50 Chance – und ich brauchte keine Entscheidung zu treffen.
Genau dieses Verhalten hassen Therapeuten, und richtig gefährlich wird es, wenn man dem Zufall überlässt, ob man stirbt oder nicht.
Ein mir sehr vertrautes Verhalten.
Tabletten schlucken und schauen, ob einen andere retten können. In meinem Fall konnten sie es immer, und mich auch noch vor Folgeschäden bewahren.
Dann soll es jetzt noch nicht sein, dachte ich, dann soll ich wohl noch am Leben bleiben.
Also vertrautes Terrain, die Verantwortung abzugeben.
Nur dass es diesmal nicht um mein Leben ging.

Kerstin vergaß es nicht. Mir war unwohl, doch der Kick schien zu verlockend. Die Kontrolle über den Kontrollverlust – ich konnte entscheiden, wann mein Körper ohnmächtig wurde.
Ein Machtgefühl, dass ich häufig suchte. Wahrscheinlich, um aus dem Gefühl der Ohnmacht und Wehrlosigkeit zu kommen, dass nach und nach verstärkt auftrat, seit dem Menschen meine Grenzen ignoriert und mit Füßen getreten hatten.
Es sollte nur ein Experiment sein! Ich nahm sie an. Eimalig! Nahm ich mir vor. Ich kam nicht an die Tabletten von Kerstin, also brauchte ich mir keine Sorgen über einen längeren Missbrauch machen.
Diese Beruhigungen glaubte ich mir.
Kerstin gab mir 20 und mahnte mich, vorsichtig zu sein.
Das schließt sich nicht aus, auch, wenn es so klingt.
Ich rang mit mir, als ich im Zug saß. Ich durfte es heute eigentlich nicht, ich musste am nächsten Morgen dringend einen Anruf tätigen und eventuell noch auf ein Amt gehen.
Wie so oft aß ich auf der Heimfahrt irgendwas, um besser nachdenken zu können. Ich esse oft so lange, bis ich zu einem Ergebnis gekommen bin.
Ich esse, wenn ich nicht mehr weiter weiss, rastlos und ratlos bin. Ich musste umsteigen und durch eine Unterführung.
Treppen.
Seit Jahren habe ich damit, immer wieder schwächer und stärker, meine Probleme. Ich habe Panik davor, eine Stufe zu verpassen und zu fallen.
Das schreckliche ist der Schreck!
Ich habe dann das Gefühl, mich bis ins Mark zu erschrecken, so, dass ich mich fühle, als würde ich gleich losheulen. Weil ich das schlecht bringen kann, werd ich wütend, die berühmte Anspannung zwischen 70-100.
Hochstressbereich.
Ich konzentrierte mich auf die Füße eines Kindes, das vor mir lief. Und schaffte es dann doch, eine Stufe zu übersehen. Ich knallte auf das kleine Mädchen und begrub es unter mir. Ich heulte, das Mädchen nicht.
Ich heulte bloß, weil ich mich erschrocken hatte, weh tat mir nichts.
Die Mitreisenden waren total fürsorglich und ich lachte und lächelte ganz schnell wieder, weil es in dem Alter seltsam ist, zu heulen, wie ein Kind.
Und dann lachte und heulte ich gleichzeitig.

Als ich im Zimmer ankam las ich erstmal die Packungsbeilage und schluckte dann 2 Tabletten, obwohl ich Angst hatte. Kerstin hatte auch 2 geschluckt um ohnmächtig zu werden.
Ich kannte das Medikament ja nicht. Ich fuhr Straßenbahn.
Das hatte ich schon früher so gemacht:Wenn ich noch nicht ins Krankenhaus wollte, um keine Kohle zu bekommen, aber Angst hatte, dass es mal schnell gehen könnte.
Das ist nie passiert.
Ich war immer selbst in der Lage, entweder ins Krankenhaus zu gehen oder beim Notruf anzurufen.
Kontrolle über den Kontrollverlust ist typisch für mich.
Ich wollte nicht unter dem Schlagwort „Tablettenintoxikation“ aufgenommen werden und überlegte, dass ich den Sturz ja nutzen könnte.
Gelogen war das nicht – ich war tatsächlich mit dem Kopf aufgeschlagen, mit anschließenden Kopfschmerzen. Ich ging in den Jugentreff, schon mit etwas wackligen Beinen.
Früher hatte ich auch immer wacklige Beine, da lernte ich aus der Erfahrung, was gut gegen Kreislaufprobleme hilft.
Gegen die Empfehlung sah ich immer auf den Boden und spannte den Bauch an.
Das half mir jetzt.
Ich erzählte einem anderen von dem Sturz, der Krankenpfleger werden wollte.
Für den Fall, dass es schnell ging, würde er erklären können, was los war.
Zu meiner Enttäuschung wurde die Wirkung wieder schwächer.
Ich schrieb Kerstin und sie empfahl mir, noch 3 zu nehmen. Dieses Medikament ist sehr stark und man nimmt als Patient eigentlich nur eine halbe Tablette beim ersten Mal. Und selbst da sollte man sich laut Packungsbeilage hinlegen.
Ich war nicht Erkrankt und mir passierte nichts, obwohl ich es das erste Mal nahm und so überdosierte.
Frust machte sich breit. 10fache Überdosierung. Und Wut auf diesen Körper, der nicht berechenbar bar, tat, was er wollte. Nicht das tat, was ich wollte, wie früher schon so häufig.
Es musste doch etwas passieren!!!
Schließlich spürte ich die Wirkung doch stark und ging in die Notaufnahme, wo ich meine Treppenstory erzählte.
Ich fror und dennoch war mein Blutdruck eher erhöht, als zu niedrig.
Paradoxe Wirkung?
Ich fand es spannend, zu spüren, wie die Wirkung einsetzte und mein Körper reagierte. Laufen konnte ich nur noch, wenn ich mich festhalten konnte.
Doch im Gegensatz zu den früheren Tabletten, die ich missbraucht hatte, blieb mein Kopf klar.
Und ich fand es blöd, auf dem Monitor zu sehen, wie sich meine – mittlerweile doch gesunkenen – Werte normalisierten.
Keine Ohnmacht.
Ich wünschte mir die kontrollierte Ohnmacht, ich wollte nicht, dass mir etwas passiert!
Ich wollte bloß wissen, wie es sich anfühlt. Dann musste ich zur Toilette und der Kreislauf war in Ordnung, bis ich zu Toilette kam. Als ich aber wieder aufstand, gaben meine Beine doch nach.
Sonst war alles okay.
Nicht gerade das, was ich mir erhofft habe.
Die Nachtschwester rief bei einem Arzt an, weil die Patientin neben mir mit dem Blutzucker ständig abrauschte und nicht konstant ansprechbar war.
Mir fiel Silvi ein, die sich mal Insulin besorgt hatte, um sich das Leben zu nehmen.
Am nächsten morgen erzählte die Patientin, sie habe sich absichtlich zu viel Insulin gespritzt.
Mich hat das total fertig gemacht. Was genau kann ich nicht sagen. Die Traurigkeit in ihrer Stimme. „Ich will nicht in die Psychiatrie“ sagte sie.
„Na, jetzt kommen Sie erstmal mit zu uns“ sagte die Schwester der Intensivstation. Ich kam auf die normale Chirurgische Station.
24 Stunden wollten sie abwarten, bis ich gehen durfte.
24 Stunden nach dem Sturz und ich war schon morgens genervt und verschob die Uhrzeit mal eben von 16 auf 14 Uhr, wo ich dann auch gehen durfte.
Nun war ich erst recht mies gelaunt. Die Wut, der Frust, dass mein Verhalten nicht die erwünschte Konsequenz nach sich zog.
Ich wusste, dass ich in die Psychiatrie käme, würde ich noch einmal kommen.
Und ich ahnte, dass die Mitarbeiter durchschauen würden, dass auch am Vortag Tabletten mit im Spiel waren.
Ich hasse die Psychiatrie! Als ich mit 18 Jahren dort anfing, Dreh-Tür-Patient zu werden, wurde mit mir ein Vertrag aufgesetzt, wonach ich immer 3 Tage bleiben muss, wenn ich wegen einer Tablettenvergiftung aufgenommen wurde.
Doch der Drang war zu groß als jede Vernunft. 15 Tabletten hatte ich noch und in einer eh-egal Haltung heraus schluckte ich diese 6 Stunden nach meiner Entlassung.
Mich belastete das Erlebnis mit der Frau und dem Insulin immernoch, die Sache hing mir verdammt nach und ich wollte auch, dass mal wieder richtig was passierte!
Wie weit ich es mit meinem Körper treiben konnte. Ich wollte die Grenze überschreiten.
Mein Körper – mein Experimentier-Testhäschen. Um zu sspüren, dass ich die Kontrolle über meinen Körper habe.
Hinterher fühle ich Triumph und Genugtuung, aber auch die große Erleichterung, wenn die Sache wieder einmal gut ausgegangen ist.
Ich überlebt habe und keine dauerhaften Schäden habe.
Dieses Gefühl ist überwältigend gut. Dann fühle ich mich stark, unbesiegbar.
Besiegen will mich keiner, aber der Sieg über den eigenen Körper. Natürlich kann man bei solchen Aktionen grundsätzlich nur verlieren, nur leider fühlt es sich anders an.

Ich ging also wieder in die Notaufnahme und sagte das mit den Tabletten.
Die übliche Maschinerie begann – Blut abnehmen, Blutdruck messen, Monitor und Zugang. Zusätzlich Kohle.
Intensivstation.
Das wunderte mich, ich war klar im Kopf und fühlte mich nun auch nicht hundsmiserabel. Doch in diesem Krankenhaus kommt man schnell auf die Intensiv. Anders als in dem Stammkrankenhaus von damals. Da waren Luisa und ich oft in viel schlechterem Zustand, auf die Intensiv kamen wir deswegen aber nie.
„Vorsichtshalber. Falls was passiert um schnell reagieren zu können“ hieß es.
Der Oberarzt kam. Was wir redeten, weiss ich nicht mehr. Ich spürte, das mit der Infusion etwas nicht stimmte. Ich hatte es einmal erlebt, dass mir die Infusionsflüssigkeit ins Gewebe der Hand gelaufen ist, so fühlte es sich an. Meine Venen waren wohl nicht die Besten, die Schwester gab es direkt an den Oberarzt weiter.
In der Infusion war etwas enthalten, was wie ergänzend zur Kohle haben muss. Um 2 Uhr bekam ich nochmal Kohle zu trinken, sonst schlief ich.
In der Visite sagte ich nochmal, was passiert war, dann durfte ich heim, weil ich auch sagte, ich sei wieder gut drauf. „Das glaub ich Ihnen sogar“ sagte die Ärztin spontan.
Ich musste dann noch zu meinem Psychiater, der abklären sollte, ob ich heim durfte und ich durfte.
Der kannte das ja schon von früher und ich sagte ihm, dass es einmalig gewesen war.

Wie lang das anhielt, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls kam es nach einer großen Krise wieder zu Intoxikationen. Ich nahm dann auch wieder die „Alten“ Tabletten.
Weil ich sie kannte und die Wirkung auf meinen Körper.
Vertrautes, bewährtes.
Wenn die Tabletten aus meinem Körper abgebaut waren, war auch die Anspannung weg. Kein rotieren um mich selbst und die immer selben Probleme.
Frieden in mir.

Wieder Ambulanz mit einer Mischintox.
Im Wartezimmer war unheimlich viel los und ich wurde nervös. Die Tabletten wirkten bereits und ich spürte schon ziemlich die Wirkung.
Mundtrockenheit und Gangunsicherheit.
Ich klingelte und sagte, ich müsse noch etwas sagen.
Eine Schwester, die ich ziemlich idealisierte, hatte Dienst. „Sie wollten was sagen?“ fragte sie und ging mit mir rein. „Ja, ich hab Tabletten genommen. Es tut mir Leid, dass ich schon wieder hier bin“ sagte ich verzweifelt.
„Mir tut es leid für Sie!“ entgegnete sie und telefonierte.
Mit dem Giftnotrruf denke ich.
„Ja, sie ist bei uns bekannt – sie ist n Borderliner“
Das macht mir immer ein komisches Gefühl, und das sind dann auch die Leute, die ich idealisiere.
Gradlinig und klar.
„Mir war nur übel“ sagte ich.
Darum die Überdosierung.
Blut abnehmen, Blutdruck messen,
Monitor und Zugang. Kohle nicht, dafür war es zu spät. Ich halluzinierte zimlich.
Durfte am nächsten Tag gehen. Mir war schon früher psychisch übel gewesen. Ich kenne Techniken, mit denen ich diese Zustände abschwächen kann, doch als ich einmal mit den Tabletten angefangen hatte, war es, als hätte die Technik nie funktioniert.
Ich litt unbeschreiblich und rannte davon, statt mir Hilfe zu holen.
Nach einer intox mit diesen Tabletten war mir oft 5 Tage lang nicht übel. 5 Tage sind LANG!
Mein hb sei zu tief, läge bei 8.
Sonst alles okay.

Hin und wieder verletzen, hin und wieder Krankenhaus.
Es ist so irreal. Habe das Gefühl zu träumen und das über Tage. In der Nacht bin ich so in innerer Alarmbereitschaft, dass ich kaum schlafe.
Schaffe es dann auch immer häufiger nicht ohne Tabletten oder verletzen. So kommt ein Krankenhausaufenthalt nach dem anderen, ohne dass ich realisiere, was abgeht.
Am Wochenende bin ich bei meiner Mutter. Ich fühle mich wie im falschen Film, der mir Panik macht.
Sage meiner Mutter, dass ich wohl in die Psychiatrie sollte. Erinnern kann ich mich daran nicht, sie hat es mir erzählt.
Nehme im Rausch Tabletten und wähle selbst den Notruf.
„Die kenn ich!“ sagt die Sanitäterin, als sie mit ihrem Kollegen ins Haus kommt. Sie ist lieb zu mir – beide sind es. Meine Mutter küsst mich, dann gehe ich. Dem Sanitäter erzählt sie, ich sei schon länger in einer starken Krise, hätte den Ausbildungsplatz verloren.
Wir wohnen in einer kleinen Stadt, und ich bin wohl eher jemand, an den man sich erinnert. Jedenfalls mit dieser Art von Erkrankung.
Sie hat mich schon einmal gefahren. Das war knapp 2 Jahre her.
„Da bist Du uns nämlich zusammen gebrochen“ sagt sie. Sie klingt besorgt und scheint heilfroh, mich ohne Zwischenfall der Intensivstation übergeben zu können.
Die 2 Jahre davor hatte ich einen Krampfanfall bekommen, als sie mich – schon im Krankenhaus angekommen – auf die Toilette begleitete.

48 Stunden Intensiv, ohne Zwischenfälle. Meine Mutter besucht mich und wir spielen Karten.
Sie erkennt eine Krankensschwester wieder.
Als ich vor 2 jahren schon einmal auf der Station lag, hatte diese meine Mutter gefragt, warum ich krank sei. Sie erzählte meiner Mutter, ihr Sohn wäre ebenfalls Borderliner.
Diesmal spricht meine Mutter sie an. Sie war ihr dankbar, für die Offenheit vor 2 Jahren. Die Schwester wirkt pikiert. „Mein Sohn ist kein Borderliner mehr“ sagt sie nur und wendet sich ab.
Ich werde in die psychiatrische Ambulanz gefahren, 70 kilometer weit, in der ich erzähle, dass es ein einmaliger Rückfall nach 2 Jahren war und darf gehen.

Ich bekam nichts hin, was ich mir vornahm. Alpträume nachts, und Panikattacken/Anspannungszustände tagsüber. Wieder Tabletten, wieder Krankenhaus. Mein Pullover wird zerschnitten und keiner erklärt mir, wieso, weil ich die ganze Zeit ansprechbar bin.
Intensivstation.
Psychiatrie und nach 3 Tagen gehe ich.

In der Schule konnte ich eines Tages nicht mehr. Ich war körperlich so geschwächt, durch den hb. Ich war totenbleich und kam kaum zu genug Atem.
Da ich meine Arbeit verloren hatte, wurde meine Stelle neu besetzt. Das war schlimm für mich, riss mir den Boden unter den Füßen weg.
Ich mochte sie. Ich wäre gern gewesen wie sie. Auch meine ehemalige Mitauszubildende hing nun nurnoch mit ihr rum und nicht mehr mit mir.
Der Selbstwert lag bei null.
Kein Wunder, dass sie Dich loswerden wollten!
Wie Du aussiehst!
Eine breite Narbe machte mich irre!
Wenn ich sie ausschneiden würde und es neu vernähen ließe, müsste es schmäler werden, überlegte ich.
Es KONNTE nur besser werden!
Ich ging nach hause, verletzte mich.
Ging mechanisch zum nähen.
Eh alles egal.
Ich kannte die Ärztin nicht. „Ich wollte eigentlich nur, dass die Stelle besser aussieht“ sagte ich.
„Naa, wenn ich bös wär, würd ich jetzt sagen, da müssen Sie noch an Ihrer Schnittführung arbeiten“ erwiderte sie. Ich kicherte, entspannte mich.
Sie musste dann in den OP und eine andere sollte das Nähen übernehmen.
Auch diese kannte ich nicht, sie schien mir gestresst.
„Und wenn Sie zuhause sind schneiden Sie sich den anderen Arm auf oder was!?“
Ich kenne es schon von anderen Menschen, dass jedes Wort der Deeskalation nur neuen Zündstoff gibt, also schwieg ich und es half.
Sie meinte, ich bräuchte eine Therapie. „Sie sind schwer krank!!!“
„Ich weiss“ sagte ich um sie runter zu bringen. Wieder Erfolg.
Ich bin wohl talentiert dafür, schimpfende und wütende Menschen runter zu bringen. Ich musste häufig wachsam sein, meine Umwelt beobachten und nach Menschen Ausschau halten, die mir gefährlich werden konnten.
Damit habe ich leider VIEL Erfahrung!
Ich handle dann instinktiv und es klappt.
Früher hing von meinem Erfolg viel ab.
Scheiterte ich damals, waren die Folgen immer verheerend.

Ich fragte sie, ob es möglich wäre, eine alte, jedoch offene Verletzung auszuschneiden und neu zu vernähen, „aus medizinischer Sicht? Weil dann wärs ja auch zu“ versuchte ich es.
„Sie schneiden da gar nicht mehr dran rum – jetzt reichts mir aber!“ kochte sie wieder hoch.
„Ich will Sie nicht verärgern“ beschwor ich sie. Fühlte mich wie so häufig verängstigt, traurig und fertig. In mir selbst überfordert.
„Ich würde meine Seele verkaufen, wenn diese Verletzung zu wär!“
Sie nähte meinen Arm und ständig rissen die Fäden aus. Ich hatte das Gefühl, ihre Anspannung körperlich zu spüren und somit stieg auch mein Stresslevel immer höher.
Als ich endlich draußen war, fühlte ich mich zittrig und panisch.
Weinerlich.
„Es ist vorbei“ versuche ich dieses innere Kind zu beruhigen, doch es klappt nicht.
Möchte schlafen, doch es klappt nicht.
Blutverlust erschöpft. Nach einer Verletzung schlafe ich gut und angstfrei.
Ein Grund mehr, die Korrektur/Verschönerung mal wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Den hb blende ich mal lieber aus.
Ich bekomme Schiss, weil ich dabei viel Blut verliere, aber ich kann nicht aufhören!
Bin noch nicht fertig.
Also rufe ich beim Notruf an und lehne meine Zimmertür an, falls ich umkippe. Ich kippe nicht um – schaffe es sogar die Treppe runter.
Zwei Sanis stehen vor der Tür.
„Tut mir leid, dass ich angerufen hab. Es hat nur so geblutet, und ich hatte Angst, dass ich umkippe“ meine ich. Ich halte mich total geschwächt am Türrahmen fest.
„Schaffen Sies noch zum Auto?“
„Ja“
Dem anderen Sani ist die Sache zu heiß, er holt für die 5 Meter den Rollstuhl. Ohnmächtig werde ich nicht, jedoch trübe ich immer wieder so stark ein, dass ich keine Kraft habe, zu kommunizieren.
Kurz vorm Krankenhaus lichtet es sich wieder und ich gebe meine Personalien etc. an.
Dann überrollt mich wieder die Erschöpfung und Übelkeit. Diesmal körperliche.
Ich werde verödet und bekomme es gar nicht so richtig mit. Ich sage das mit dem hb und der Arzt meint zur Schwester, sie soll bei mir Blut abnehmen.
Mein Zustand verbessert sich wieder und der Arzt sagt zur Schwester, Blut abnehmen sei doch nicht nötig. Das sehe ich anders, aber es ist mir egal. Schließlich wird es wieder schlechter und ich hänge am Tropf.
„Ihr hb ist bei 6,9“ informiert mich der Doc, als es wieder besser wird.
„Mist!“
„Und ich würd Sie gern über Nacht dabehalten“
Das hab ich schon kommen sehen. Obwohl der Heimweg geschätzt 400 Meter umfasst, hätte ich dies nie geschafft! Ich komme auf die normale chirurgische Station.
Aus „über Nacht“ werden 2 Tage in denen rein gar nichs passiert. Ich bekomme nichtmal Eiseninfusionen.
Es wird überlegt, mir Blut zu transfundieren, aber dann doch nicht.
Am Morgen des zweiten Tages gehe ich dann.
Bin nicht gerne im Krankenhaus!
Meine Anspannung steigt sowieso seit einem Tag wieder kontinuierlich deswegen, also nichts wie raus!
Schule!
Ich will in die Schule!
Aber mir ist übel ohne Ende.
Wenn Du Tabletten nimmst geht die Übelkeit weg und Du kannst in die Schule.
Dieser Gedanke scheint eine säuselnde Stimme zu haben, beruhigend, vertrauen erweckend.
Als würde mich jemand an die Hand nehmen und sagen „Komm mit, ich helf Dir. Ich pass auf Dich auf und hab Dich lieb“
Ich falle immer wieder auf sie herein.
Diesmal lande ich nach 2 Tagen erinnerungslosem Krankenhaus doch noch in der Psychiatrie. Trotz Magensonde mit Kohle ging es 2 Tage, bis ich wieder klar war. Nun bekomme ich doch eine Eiseninfusion und komme im Anschluss in die psychiatrische Ambulanz.
Ich schalte mein Handy ein. Ein Anrufversuch.
Aus dem Krankenhaus, in dem ich so oft war.
Ich rufe zurück. Es ist die Ärztin, die so unhgehalten war, als sie mich versorgte.
Sie habe sich über die Krankheit informiert und ich solle mich doch mal in der psychiatrischen Ambulanz melden, die kennen sich damit aus. Und wenn ich Hilfe bräuchte bei der Therapeutensuche solle ich sie anrufen.
Ich war sprachlos vor Rührung.
Das hätte ich nie erwartet! Voller Dankbarkeit meinerseits beendeten wir nach 8 Minuten das Gespräch.
Dann ging es wieder stationär.
Ziemlich unangenehm, so als Drehtür Patient.

Ich blieb 11 Tage auf der offenen Station. Die letzte Tablettenvergiftung war dort Ende Januar.
Mal wieder wurde die Übelkeit unerträglich und ich wollte an die frische Luft.
Die Tür war zu und ich sollte warten, da ich Oberarztgespräch hatte.
Ich konnte aber nicht warten und fragte, ob nicht jemand mit mir tauschen könne.
Nein, behaupteten die und ich wurde komplett hysterisch. „Ganz ruhig“ sagten die und ich schrie „Ja klar – Ihnen ist ja auch nicht schlecht!“
Ich hatte das bekannte Gefühl, mich körperlich aufzulösen.
Bad. Dusche.
Ich hielt meinen Kopf so lange unter das kalte Wasser, bis ich Kopfschmerzen bekam.
Dann war es besser.
Ich setzte mich in mein Bett und fühlte mich wie eine ängstliche 4jährige.
Die Pfleger und der Oberarzt merkten das natürlich und gingen dann wieder. Ich rollte mich zusammen und schlief ein.

3 Tage später intoxikierte ich mich.
Filmriss.
Als ich meinte, denken zu können, wollte ich unbedingt etwas intelligentes sagen um klar zu machen, dass ich okay war. Zwei Pfleger standen in der Tür und ich sagte mit voller Überzeugung: In 2 Tagen ist Nikolaus!
Nee, sagten die, wir haben schon Januar.
Mist!
Sie hatten die mittlerweile schon 6 Wochen alte Verletzung gesehen und holten einen Chirurgen dazu.
„Echte scheiß Krankheit, die Sie da haben!“ stellte er fest.
Oh mann, wie sehr das zutraf.
„Ja, das find ich auch“ ich lachte ein bisschen.

Zurück auf Station ging es auf die Geschlossene. Mein Horrorort – und da ich kein Zimmer hatte, war ich dem Wahnsinn hautnah ausgeliefert. Der Oberarzt sollte entscheiden, wo ich hin kam.
Zwei Stunden wartete ich. Es war ein AvD, der kam.
Der wollte mich auf der Geschlossenen.
Ich versuchte es erst ruhig und wurde dann sarkastisch. Es ist ein furchtbares Gefühl, jemandem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu
sein!
Willkommen in der Psychiatrie!
Glück hatte ich dann doch noch – der Oberarzt kam etwas später und gab grünes Licht.

Dennoch – ich hatte die Nase mal wieder endgültig gestrichen voll!
Ich hatte es satt, mir selbst derartig ausgeliefert zu sein, ich hatte keine Lust mehr, ständig in Todesangst zu leben. Ich hatte kein Interesse daran, nach 3 Jahren ohne Suizidversuch wieder dort zu landen – denn so, wie das Jahr begonnen hatte, würde es innerhalb kürzester Zeit subjektiv nur noch diese Lösung all meiner Probleme geben.
Ich entließ mich mit einem anderen im selben Alter.
Er sagte „Ich hab keine Lust mehr auf Psychiatrie, ich bin nicht mehr suizidal und ich will mein Leben endlich wieder selbst in die Hand nehmen“
Wow, dachte ich. Meine Worte!

Februar intoxikationsfrei, nahm ich mir vor!
Das klappte.
März verletzungsfrei, nahm ich mir vor.
Das hielt ich 21 Tage durch. Einen Tag später rief ich in einer Klinik an, um mich für das DBT Programm anzumelden.
Es war mein 2. stationärer Aufenthalt mit DBT. Jedoch in einer anderen Klinik als die vorherige – lediglich, weil die in dieser Zeit kaum Wartezeiten hatten.

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6 Responses to Winter 2011/12

  1. silberträumerin sagt:

    😦

  2. fanger sagt:

    Eins muss man Dir lassen, Du hast Talent. Mir wäre es nur lieber wenn es lediglich fürs Schreiben des Blogs wäre. Immer wenn hier ein paar Tage nichts Neues von Dir steht habe ich die Befürchtung das Du wieder versucht hast gegen Dich selber anzutreten.
    Und da muss ich sagen, ich bewundere die Stärke deines Körpers! Ich habe hier einmal Pech und schlage mir ein Loch ins Schienenbein und bekomme eine abartige Infektion davon. Und Du zersäbelst Dich als sollte es Filet geben und trägst „nur“ die Narben davon.
    Das Risiko dabei mal Krankenhauskeime zu kassieren solltest Du nicht unterschätzen. Auch wenn ich es nicht toll finde Dir weitere Angst zu bereiten, habe ich fast die Befürchtung das dies das einzige ist was Dich abhalten könnte.
    Wir brauchen aber keine ängstliche Stella sondern eine starke, selbstbewuste! Die genau weiß was geht und was nicht. Denn nur auf die starke Stella sind wir stolz!

    • stellinchen sagt:

      Danke sehr!
      Die Befürchtung halte ich für grundlos. Ich fühle zwar Not, lebe sie aber nicht mehr in dieser Form aus.
      Ja, der Körper…
      Glück gehabt. Wobei deine Verletzung auch schwerer ist als eine simple Schnittverletzung. Klar, tief, aber dennoch im Probzip simpel. Klingen sind auch eher nicht kontaminiert, im Krankenhaus wird gut desinfiziert und in der Regel habe ich selbst auch auf die Wunden aufgepasst, bin als SV’rin ja quasi „vom Fach“, was solche Verletzungen angeht *g*
      Das mit der ängstlichen und mutigen Stella lässt sich nicht so ohne weiteres trennen, sie gehören zusammen.
      Wichtig ist, dass die Kleine von der Mutigen beruhigt werden kann, und die Mutige nicht laufend aus den Latschen kippt und die Kleine allein lässt 😉
      Aber das ist Arbeit.

  3. blackeyedphoenix sagt:

    Ich sitze gerade recht sprachlos vor meinem PC…danke, dass du mit uns deine Geschichte teilst! Ich will dich gerade einfach nur umarmen…

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