Zukunftsträume

Ich bin ein Familienmensch. Mein Idealbild von mir ist seit meiner Kindheit, Mutter zu werden.
Früher hat mir häufig „eine Familie“ gefehlt, eine Mutter. Das hat sich gelegt, ist in den Hintergrund getreten. Auch durch unheimlich viele liebe, wertvolle Menschen.
Einige für kurze Zeit, andere seit langem. Viele zusätzliche Wahlmütter, Schwestern.

Ich möchte wissen, dass ich wichtig und sinnvoll bin. Viele geben mir das Gefühl, wichtig für sie zu sein, was unheimlich stärkend ist.
Früher dachte ich oft, ich wäre mehr Last/Zumutung, als liebenswert. Wohl auch darum ist es mir wichtig, sagen zu können „Ich tue etwas Gutes“
Ich möchte Menschen helfen können, weil ich Menschen klasse finde und mir ja auch unheimlich viel Gutes getan wurde.
(Auch) darum möchte ich Ärztin werden. Ich habe schon seit Jahren ziemliche Komplexe, weil ich außer meiner Mittleren Reife nichts geschafft habe.
Einige begonnene Ausbildungen, gute schriftliche Zeugnisse, mehr nicht.
Früher habe ich mich eher über das Hungern und Selbstverletzungen definiert, es war mein Halt, mein Lebenswert. Ich dachte „Okay, es ist zwar alles scheiße, aber dann hör ich eben auf zu essen und darf dann sterben, wenn ich dünn bin“
Dünn entsprach BMI 14.
Das mit dem hungern klappte nie so lange, dass ich ins Untergewicht kam, statt dessen waren Gewichtsschwankungen von bis zu 30 kilo die Folge und der Streik meines Körpers und Kreislaufs. Also kam „Ich bin zwar nutzlos, dumm und unbegabt, aber ich halte massive Schmerzen aus. Ich bin stark.“
Jetzt lebe ich für diesen Traum „Irgendwann bin ich Mutter und Ärztin“
Wie viel Kraft mir das gibt, lässt sich wohl schwer beschreiben. So exzessiv, wie es in Pro Ana Foren um Abnehmen ging, man mit Twins hungerte, stundenlang Thinspiration anschaute/Videos erstellte, über Diäten, Sport, (il)legale Medikamente diskutierte, die Refeedregeln herunter beten konnte, so Sinn gebend ist nun dieser Traum für mich.
Ich denke, es ist allemal besser, als früher.

Steps:
– 11 Klasse
– Abijahre 2014-2016
– Studium
– Kinder

Trotzdem lebe ich nicht für die Zukunft, sondern genieße das Leben so sehr, dass ich es nicht beschreiben kann.
Es war wohl der krasse Wechsel zwischen dem letzten Winter und dem Sommer jetzt.
Wäre ich im Winter nicht zu meinem Dad gezogen, wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben. Wäre unbeabsichtigt bei irgendeiner der Selbstverletzungen gestorben.
So drastisch empfinde ich das. Der Körper gab mir aufs Deutlichste zu verstehen: Es reicht!
Und das imponierte mir. Mir war es immer schwer gefallen, Nein zu sagen, anderen Grenzen zu setzen – nun tat es mein Körper.
Das war auch ein Teil, der mir den Körper so als Opfer gezeigt hat. Er tut alles für mich, kämpft um sein Überleben, während ich ihn bekämpfe.
Ich sauge Medizinisches auf, bin fasziniert vom Körper. Finde es unglaublich, dass eine Herzdruckmassage so wirksam die Herztätigkeit ersetzen kann.
Dass man über einen Venenzugang die Flüssigkeit geben kann, und man nichts mehr trinken müsste. Nicht-Begeisterten fällt das möglicherweise schwer, nachzuvollziehen.
Mein beruflicher Lebenstraum ist jedenfalls die Medizin.

Bis 2016 gehe ich aufs Abendgymnasium, versuche meine bestmöglichsten Noten zu bekommen. Was mir im Weg steht, sind Versagensängste. Früher habe ich die über die Essstörung und Selbstverletzungen abgebaut, so dass die lähmende Panik, die mich am lernen hindert, unterbrochen wurde.
Jetzt möchte ich das nicht mehr und halte es aus. Auch wenn es lange dauert und ich darum auch schlechte Noten schreiben kann.
Nach 10 Jahren möchte ich es nicht mehr. Ich möchte ein Leben ohne Selbstverletzungen!
Ich möchte all die Energie, die ich in Destruktives gesteckt habe, für mich und andere nutzen.
Im Medizinischen möchte ich alles dürfen, was Ärzte tun, viel wissen und gut verdienen.
Und ich möchte Leben.

Und wie immer gilt: Ein wahrer Freund glaubt an einen und kommt im Notfall mit einem Plan B und einer Flasche Vodka 😉

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8 Responses to Zukunftsträume

  1. DecemberKid sagt:

    Ich sauge Medizinisches auch total auf. Verstehe das sehr gut. Das ist mit ein Teil, warum mir meine Ausbildung (mein Beruf) gefällt 🙂 Ich helfe, pflege und versorge Menschen und ich erlerne ein enormes medizinisches Wissen ❤

  2. Samiel sagt:

    Ich drücke dir alle Daumen und Wüsche dir viel Glück und Erfolg 🙂
    Ich bin mir ganz sicher, dass alles so klappen wird wie du es dir wünscht! 🙂

    • stellinchen sagt:

      Vielen lieben Dank!!!
      Es freut mich immer so sehr, das zu lesen (:
      Und ich finde es unglaublich schön, dass du mindestens seit Dezember immer wieder bei mir liest 😉

  3. mariesofie sagt:

    Ich bin total begeistert von deinem Elan, und darum wirst du es auch schaffen! Nur du kannst bestimmen, was aus deinem Leben wird. Bleib dran und wenn du es geschafft hast, kannst du den dicken Daumen zeigen! Sei umarmt, Kämpferin!!!!
    Kathrin

  4. fanger sagt:

    Flüssigkeit Intravenös. Wie wäre es mit Medizinisches Intravenös? Also lernen flüssig sozusagen 😉
    Wie meinst Du das mit dem Vodka? Das Zeug ist was für Looser, für Leute die ihr Leben wegwerfen wollen. Für Leute die einen Ersatz für Hungern oder Ritzen brauchen. Aber nicht für starke Menschen wie Dich! Mach lieber Sport, jogge ne Runde, wenn Du so platt bist das Du nur noch an trinken und schlafen denkst, wirst Du auf einmal erkennen wie Du über all den nutzlosen Dingen stehst die Du einmal gebraucht hast.
    Die Freiheit im Geist kommt mit der Anstrengung im Körper. Aber nicht zu viel auf einmal, sonst kann es dir passieren das du eine Herzdruckmassage am eigenen Körper erfahren musst. Wir brauchen unsere Stella noch! Laaaaaange.

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