Märchen und Mythen vs Realität im Bereich Essstörungen

(nicht von mir aber treffend!)

Diese Liste richtet sich an Betroffene von Essstörungen und professionell Tätige (Ärzte/-innen, Therapeuten/innen, Sozialarbeiter/innen etc.) die mit essgestörten Menschen arbeiten und/oder mit dem Thema in Berührung kommen können und vielleicht nicht an großer Erfahrung im Umgang mit essgestörten Menschen verfügen. Sie ist aus dem Erfahrungsschatz zum Teil langjährig Betroffener erstellt, die in ihrem Leben oft mit professionell Tätigen in Berührung gekommen sind. Sie soll Betroffene dazu ermuntern, über ihre Probleme im Bereich Essstörungen auch dann zu sprechen, wenn sie nicht dem gängigen Klischeebild einer/s Essgestörten entsprechen und professionell Tätige sensibilisieren, dass viele Lehrbuchstereotypen nur einen kleinen Teil der Realität im Leben essgestörter Menschen abdecken und viele Betroffene damit „durch das Raster fallen“ können und sich nicht trauen, über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen und soll vermeiden, dass unbedachte Bemerkungen seitens professionell Tätiger Betroffene kränken und verletzen, einen therapeutischen Prozess torpedieren oder gar einen (neuen) Schub akuter Symptomatik auslöst..

Leider halten sich viele Märchen und Mythen im Bereich Essstörungen nicht zuletzt durch entsprechende Beiträge in Lehrbüchern und Diagnosemanualen sowie durch das Bild, das immer wieder und immer noch in den Medien geprägt wird.

Mythos: „Alle Essgestörten sind dünn“

Realität:

Dieser Mythos ist und bleibt das Topthema im Bereich Essstörungen, nicht alleine deshalb, dass in den Medien immer wieder ausschließlich extrem dürre Menschen gezeigt werden, wenn es um das Thema „Essstörungen“ geht. Auch wenn es sogar in Lehrbüchern und Diagnosemanualen vermerkt ist, dass von Essstörungen Betroffene nicht zwingend auffällig dünn oder gar halbtot sein müssen scheint es noch mehr als genug professionell Tätige zu geben, die das zu glauben scheinen. Es gibt genug von Essstörungen Betroffene, die normal- oder übergewichtig sind und sich Bemerkungen und Kommentare anhören müssen, die sie verletzten und kränken, wie zB“Sie sind aber nicht wirklich dünn.“ „Also, verhungert sehen Sie ja nicht gerade aus!“ „So schlimm kann es ja nicht sein, Sie haben ja noch genug zuzusetzen“ oder ähnliches. Solche Bemerkungen sind unsensibel und können im schlimmsten Fall das ehedem übervolle Fass an Leidensdruck bei Betroffenen zum Überlaufen bringen und einen (neuen) akuten Schub ausgeprägten essgestörten Verhaltens auslösen. Es gibt nicht wenige Betroffene, die aufgrund solcher Erfahrungen dann erst anfingen sich herunterzuhungern, damit ihre Probleme endlich gesehen und ernst genommen werden, und es kann ja nur im Sinne aller Betroffenen sein, dass ihre Nöte schon ernst genommen werden, bevor sie (weiteren) massiven körperlichen Schaden erleiden.

Essstörungen beginnen im Kopf , bevor eine äußerlich sichtbare Symptomatik eintritt, vor einer extremen Gewichtsabnahme steckt ein zum Teil langjähriger gedanklicher und emotionaler Leidensprozess.

Essstörungen können viele Gesichter haben. So kann zB ein normal- oder übergewichtiger Mensch mehrfach am Tag erbrechen und schadet sich alleine deshalb massiv, ohne dass es nach außen hin auffällt, ganz zu schweigen von den vielen verweinten einsamen Stunden zwischen Kühlschrank und Toilettenschüssel. Auch Menschen, die nicht hungern oder erbrechen, sondern sich zwanghaft große Mengen an Nahrung zuführen ohne Gegenmaßnahmen zu ergreifen und dementsprechend übergewichtig sind leiden schon massiv unter dem Unverständnis ihrer Umwelt, und es wäre wünschenswert, dass dies nicht fortgesetzt wird, wenn sie sich professionelle Hilfe suchen (möchten) oder mit professionell tätigen in Berührung kommen. Auch oder vielleicht gerade diese Art der Essstörung, Binge-Eating-Disorder, bleibt oft und lange unerkannt und die Betroffenen haben oft eine jahre- oder gar eine jahrzehntelange Odyssee hinter sich.

Mythos: „Magersucht ist eine Krankheit junger Mädchen“

Realität:

Auch wenn eine Koryphäe einer renommierten Essstörungsklinik diesen Satz vor einem Millionenpublikum bei einem TV-Beitrag zum Thema „Magersucht“ mehrfach äußert, dies entspricht nicht der Realität und es ist schon höchst befremdlich, dass sich dieser Mythos auch heute noch so hartnäckig hält.

Tatsache ist, dass viele essgestörte Menschen im Altersspektrum jenseits der 13 und der 25 Jahre liegen. Im Grunde ist diese Skala nach oben und unten hin offen. Es gibt viele Menschen, die bereits im Kindesalter betroffen sind und viele, die jenseits der 30, 40, 50 oder älter unter Essstörungen leiden. Die Dunkelziffer ist da relativ hoch, weil viele Betroffene nicht darüber reden (können).

Gerade älteren Menschen wird damit der Mut genommen, offen über ihre Sorgen und Nöte in Bezug auf ihre essgestörte Problematik zu sprechen, wenn Bemerkungen fallen wie zB. „Also, in Ihrem Alter hat man doch eigentlich solche Probleme nicht mehr,“ oder „Eigentlich haben nur junge Mädchen so etwas.“ Man muss sich bewusst machen, dass die jungen Mädchen von gestern und heute die älteren Essgestörten von heute und morgen sind. Bei vielen Essgestörten chronifiziert sich die Symptomatik oder sie bleiben ihr Leben lang verletzlich in diesem Bereich, auch wenn die akute Symptomatik gerade nicht gelebt wird. Es gibt viele Betroffene, die auch im „fortgeschrittenen“ Alter wieder in essgestörte Denk-Gefühls- und dann auch Verhaltensweisen zurückfallen, wenn sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht anders umgehen können. Viele überwinden ihr essgestörtes Denken und Fühlen nie wirklich, selbst wenn die äußerlich sichtbare Symptomatik verschwunden zu sein scheint.

Auch männliche Betroffene sind keine jungen Mädchen. Auch da wird es eine hohe Dunkelziffer an Betroffenen geben, die nicht den Mut und die Plattform finden, wo sie offen über ihre Probleme in diesem Bereich sprechen können. Auch hier können solche Bemerkungen wie „Also, eigentlich haben das nur junge Mädchen.“ großen Schaden im Erleben der Betroffenen anrichten.

Mythos: „Magersüchtige essen nur Salat und nichts, was viele Kalorien enthält“

Realität:

Es gibt sogar sehr viele Betroffene, die entgegen dem gängigen Klischee sehr wohl hochkalorische Nahrung zu sich nehmen statt an einem grünen Salatblatt oder Apfel zu nagen, wie es so oft in den Medien und sogar in Lehrbüchern und Diagnosemanualen dargestellt wird. Sie essen geringe Mengen an hochkalorischer Nahrung wie zB Schokolade oder Chips und verlieren auch damit schnell und massiv an Gewicht, oder ergreifen aktive Gegenmaßnahmen wie Sport oder Erbrechen, aber dies nicht zwingend. Bemerkungen wie „Also, für eine Essgestörte essen Sie aber ganz schön viel.“ oder „Nein, Sie können nicht magersüchtig sein, wenn sie Schokolade/Chips/etc. essen.“ gehen damit völlig an der Lebensrealität essgestörter Menschen vorbei.

Mythos: „Alle Magersüchtigen wollen aussehen wie Models“

Realität:

Natürlich trägt der immer präsente Schlankheitshype in den Medien und auf den Laufstegen dazu bei, dass es immer mehr an Essstörungen Betroffene gibt, das ist nicht wegzuleugnen. Und es ist auch nicht wegzudiskutieren, dass Schlankheit heutzutage als höchst anzustrebendes Gut gehandelt wird, während Übergewicht verteufelt wird und sich viele gängige Stereotype in unsere Gesellschaft in Bezug auf Dünn- und Dicksein manifestiert haben, was das Problem zementiert, Und natürlich gibt es Betroffene, die sich auch mit (extremen) Untergewicht attraktiv finden und das auch mehr oder weniger offen anstreben. Aber eigentlich müsste es doch einleuchten, dass viele Betroffene im Ausleben ihrer Essstörung ein Ventil sehen, ihren Leidensdruck vermeintlich zu verringern, der durch ihre eigentlichen zugrundeliegenden Probleme, Sorgen und Nöte entstanden ist. Und auch bei Betroffenen, die sich auch mit gesundheitsgefährlichem Untergewicht attraktiv (zu) finden (scheinen) mögen unterschwellig andere zugrundeliegende Probleme/Komplexe etc. haben, die sie durch die Konzentration auf ihr Äußeres kompensieren. Die Frage ist eben, ob Menschen, mit gesunder Einstellung zu sich selbst sich massiven körperlichen Schaden zufügen. Unter dem Streich sind also Bemerkungen wie „Finden Sie sich schön so abgemagert?“ oder „Also, Model werden können Sie in Ihrem Alter eh nicht mehr.“ oft wenig hilfreich und kränkend. Der Körper ist lediglich das Schlachtfeld, der eigentliche Krieg findet im Kopf statt.

Mythos: „Alle Magersüchtigen verleugnen ihre Krankheit oder sehen das als Lifestyle und wollen es so.“

Realität:

Auch wenn „pro ana“ heute modern geworden zu sein scheint gibt es genug Betroffene, die sich dessen bewusst, dass sie sich unter Umständen massiven gesundheitlichen und emotionalen Schaden zufügen, aber sie können nicht anders, weil sie ihr Leben sonst als sinnleer oder gar unerträglich empfinden. Und wenn jemandem das Dünnsein wichtiger ist als Gesundheit oder das gesamte Leben auf dieses eine Ziel unter Beeinträchtigung der anderweitigen Lebensqualität reduziert wird scheint in den meisten Fällen per se ein Problem zu bestehen, das ernst genommen werden aber mit der nötigen Sensibilität angegangen werden sollte. Es bringt wenig, Betroffene versteckt oder offen anzufeinden, wenn sie „pro ana“ sind oder zu sein scheinen, manchmal ist es nötig, die Motivation „pro ana“ zu sein auch mal geschickt zu hinterfragen.

Advertisements

9 Responses to Märchen und Mythen vs Realität im Bereich Essstörungen

  1. blackeyedphoenix sagt:

    Ich hab dir in meinem letzten Post einen Blogaward gegeben ♥

  2. Enibas sagt:

    Vor allem Mythos 1 macht es mir schwer, dass ich mich traue mal meine Probleme mit Essen und meinem Körper anzusprechen. Ich habe wahnsinnig Angst, dass genau solche Kommentare kommen oder mir nicht geglaubt wird…

  3. Eisherz sagt:

    Hallo, magst du nimmer? das wäre… hart…

  4. schwarzesschaefchen sagt:

    hey, gehts dir gut? schon lang nichts mehr von dir gelesen. :/ hoffe, es ist alles okay.

    • stellinchen sagt:

      *wiiink*
      Jo, ich leb graad so vor mich hin, aber mir geht es weitest gehend gut. Und dir?
      Fühl dich umarmt!!! ❤

      • schwarzesschaefchen sagt:

        es freut mich von dir zu lesen. 🙂
        ach ja, es geht schon. 😉 muss ja.
        danke, ich umarm dich auch ganz lieb!

  5. […] Märchen und Mythen vs Realität im Bereich Essstörungen. […]

  6. Alles okay? Du bist irgendwie verschwunden 😦

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: