30. Mai

Die Schule läuft weiterhin weitestgehend gut.
Und auch familiär ist alles okay. Ich hatte keinen Selbstverletzungs oder Intoxrückfall und bin noch immer in Therapie.
Alle zwei Wochen.
Wir sprechen über aktuelle Themen, die Schule, Politisches.
Alles geht seinen Gang.
Und auch nicht.
Die innere Mauer, den Stein des Traumas, trage ich weiterhin täglich in mir. Oft ist er nicht spürbbar, oder ich kann ihn während des Aktionismus verdrängen. Spürbar wird er in banal scheinenden Situationen.
Das Lesen von Texten in der Schule, in der Gewalt dargestellt wird. Schreiende Männer, Kinder. Schreiende und verängstigte Charaktere in irgendwelchen Filmen.
Dann kippe ich weg. Werde starr, falle in die Regression. Wenn es gut läuft.
Wenn es schlecht läuft kommen alte Gedanken und Gefühle hoch. Ich verstehe und begreife dann nicht mehr, dass ich 23 Jahre alt bin. Der Kopf weiß es, aber die Innenwelt stimmt nicht mehr und auch die äußere wird verzerrt. Als ich meinen allerbesten Freund Michael besucht habe, konnte ich ihm eine schlimme Situation erzählen.
Mit vielen Stockungen, aber es ging. Weil er mich so fest umarmt hat, dass sogar ich mich noch spüren konnte und mich somit hier hielt. Ich dachte, ich hätte diese Situation überwunden. Am Montag erzählte ich sie der Thera.

Es wieder besonders schlimm. Ich fühlte mich wie konserviert, gefangen in dem früheren Körper. Die ganze Zeit kommentierte die innere Stimme „Ich kann nicht fassen, dass du noch immer in dieser verdammten Welt rumhängst!
Hättest du dir bei deinen Suizidversuchen nicht ein bisschen mehr Mühe geben können?
Mann, jetzt bist du 23, der ganze Scheißdreck hätte doch vor 5 Jahren längst beendet sein sollen.
Was machen wir denn jetzt?“

Ich ging in die Schule mit den ganzen eigentlich vertrauten Sachen und hasste alles.
Alles ödete und nervte mich an, ständig musste ich mich beherrschen nicht einfach irgendwo runterzuspringen, oder mich extrem zu intoxikieren, mit offenem Ende.
Ich schaffte den Bezug hierher kaum. Dachte „Hey, du hattest doch diese wahnsinnig schönen Tage“ aber es blieb nichts und verhallte nach irgendwohin.
Dennoch hat mich diese andere Kopfstimme davon abhalten können, wirklichen Mist zu bauen…
Die Thera sagte, wir bräuchten über diese Themen nicht zu reden.
Aber mir ist mittlerweile klar, dass ich daran nicht vorbei komme.
Ich bin seit 10 Jahren immer wieder in Therapie, ohne das sich innerlich großartig etwas verbessert hat. Am Montag war es mir nicht so bewusst. Ich war komplett verwirrt und habe mich gefragt, wie ich weitermachen soll.
Zum quatschen brauche ich nicht zu einer Therapeutin zu gehen, dazu habe ich andere.
Außerdem ist das ja auf Dauer auch kein Zustand.
Auch sie wusste nicht, was der Weg wäre.
Ich sagte, muss ich daran gehen oder nicht?
Werde ich irgendwann alleine damit leben können?
Wird eine Art von Gewöhnung eintreten?
Auch sie wusste es nicht. Sagte, dass solche Grauen und Schrecken manchmal auch besser irgendwo aufbewahrt würden und man sich an sie gewöhnen könne. Aber dass sie auch nicht wüsste, was für mich gut wäre.
Ich sehe es nun klarer. Ich bin traumatisiert und werde das ohne Hilfe nie im Leben dauerhaft und gut in den Griff bekommen.
Was ich brauche ist wirklich eine Fachfrau/ ein Fachmann, der mir sagt, wie es geht.
Wie man Traumata vernünftig aufarbeitet um eines Tages wirklich Ruhe zu haben und es abhaken zu können.
Ich habe mich im Kopf damit abgefunden, schlimmes erlitten zu haben. Aber der Körper nicht. Er versteht nicht, dass es vorbei ist, und das ist der Knackpunkt.
Die Thera ist Borderline Expertin, aber ich habe kein Borderlineproblem als Kern. Wir haben es versucht, schwierige Themen anzusprechen, aber das kam immer von mir. Ich kippte immer weg und der restliche Tag war im Eimer, manchmal auch mehrere.
An den Inhalt kann ich mich sowieso nicht mehr erinnern. Aber ich weiß, dass es nicht mal die „richtig schlimmen“ Sachen waren.

Ich werde die Thera das nächste Mal wegen Traumabearbeitung ausfragen.
Ich habe einige Dinge, um wieder ins hier und jetzt zu kommen. Aber häufig vergesse ich dann eh wieder, was gesprochen wurde.
Ich weiß nur, die Themen waren „irgendwie gefährlich für meine innere Sicherheit – also weg damit!“

Ich war am Tag danach noch/wieder? so verwirrt, ich hatte Medis in der Tasche und hätte die fast genommen.
Nur 10, aber trotzdem…
Ich wollte unbedingt die Mathearbeit mitschreiben. Also habe ich eine Schlaftablette vor der Schule genommen. Es hat mich nicht umgehauen, ich habe die Wirkung gar nicht gespürt.
Obwohl zum schlafen sonst eine Halbe reicht :kopfkratz:
Nach den ersten Doppelstunden ging es dann wieder, weil ich während einem Film präventiv raus bin und zufällig 2 Mädels in der Abivorbereitung helfen konnte.
Das hat mich geerdet.
Die Mathearbeit war genial.. Ich glaube, ich könnte tatsächlich eine 1 bekommen :oeh:
Ich habe kaum etwas falsch :huepf:

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9 Responses to 30. Mai

  1. desweges sagt:

    Das tut mir leid für dich, das dich das immer wieder einholt. Kann etwas mitfühlen. Auch meine Vergangenheit kommt inzwischen immer mehr ans Licht. Raus aus dem Unterbewußtsein ins Hier und Jetzt. Mich überfordert das gerade auch.
    Wünsch dir alles Gute für deinen Weg. Das mit Schule und Co. klingt sonst ja echt super. LG desweges

  2. Andreas sagt:

    Du hast den Weg ja bereits aufgeschrieben den du gehen möchtest. Es ist gut einen Experten aufzusuchen der sich mit diesen speziellen Traumata auskennt. Du wirkst sehr klar, du weißt was du willst und wie du dahin kommen kannst. Und ihr redet über politisches? Das tue ich seit Jahren nicht mehr. Ich lebe in einer anderen Welt, in der die ich sehen und greifen kann. Und ich bin sicher dass du dein Ziel erreichen kannst. Du hast eine 1 in Mathe? Lol, ich dachte immer Mädchen können nicht rechnen :). Liebe Grüße!

    • stellinchen sagt:

      määh, klar können Mädchen rechnen 😀
      Ich weiß nicht, ob es eine 1 ist, ich habe es ja noch nicht wieder. Aber die Chancen sind da, nachdem ich die Lösungen gesehen habe ^^
      Grüße zurück! 😉

  3. Annachie sagt:

    Behalte mal Deine Ziele im Auge: Ärztin werden etc. Das ist wichtig. Und das Leben kann wirklich schön sein. Doch ja! Zwar nicht immer :-)). Es wäre wirklich schade, soviel nicht zu erleben. Glaub es mir. Spricht die weise Bära 🙂

    • stellinchen sagt:

      Ich glaube dir, liebe Bära 🙂 😉
      Die Ziele habe ich immer irgendwo im Hinterkopf, wahrscheinlich macht das auch mit den größten Teil der Kraft aus, die ich habe.
      Dass es heute viel schöner ist als früher, spüre ich ja. Ich liebe das Leben 😉
      Nur in solchen Momenten checke ich fast gar nichts mehr O.o
      Nur das sind gefährliche Momente, das ist eher isoliert vom Rest in mir.
      Naja, wird schon werden 🙂

  4. schwarzesschaefchen sagt:

    hey stella. wollte fragen, wie das passwort für deinen aktuellen eintrag lautet. kanntriggern klappt nicht bei mir.

  5. schwarzesschaefchen sagt:

    danke. 🙂

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