Schule, Gesundheit und Co

25. Januar 2015

Habe meiner Nachbarin ein Kuschelkissen geschenkt.
Ich hätte es wegwerfen müssen. Im Moment foltern mich die Milben sowas von -.-
Mein Verbrauch an Taschentüchern ist so hoch, mittlerweile friere ich mein Kopfkissen öfter ein, alle paar Tage, das hilft ein wenig.

Therapie gehabt.
Es war richtig gut. Habe von diesem Innenkind erzählt und ob ich das jemals so loswerde, dass dieser unerträgliche Schmerz weg geht.
Nachdem wir von Berlin zurück kamen, bin ich innerlich mega durchgedreht, weil ich alleine in die Schule musste.
Ich fühlte mich verlassen, hilflos und verängstigt.
Ich schrieb Michael „Ich hab keinen Papa mehr :heul:
So fühlte es sich an, ein kleines vergessenes Kind, mutterseelenallein. Er schrieb, beruhigte mich. Ich wisse, es gehe vorbei.
Ja, schrieb ich, ich weiß auch nicht, was gerade abgeht. Ich weiß nur, dass es unerträglich schmerzt.
Das hielt wieder ein paar Tage, sich verloren fühlen, allein in dieser großen Welt, überfordert.
Lag viel im Bett, tat nichts.
Ist wieder besser geworden. Mich zieht dieses Wetter halt so runter.

Ihr von früher erzählt, die Jahre zwischen 18-22, welche die Schlimmsten waren.
Wie weit mir das nun sei?
Ich zeigte neben mich, eine Armeslänge. Sie sagte, sie stelle sich das eher als Baum vor.
Die Regression als Rückfall in die tiefsten Wurzeln hinein.
Ich mochte dieses Bild.

Habe nun alle Noten und nun doch nicht Schnitt von 1,7 sondern 1,8.
Mann, ich habe ich Deutsch NEUN Punkte geschrieben. Eigentlich 10, aber wegen massenhaft Zeichensetzung -1.
Das passiert mir sonst nie.
13 Punkte mündlich und somit 11 gesamt. Ich war echt stinkig, hätte sie mir 14 gegeben, wären es noch die 12.
Die erwartet zu viel.
Zur Abwechslung mal wieder geheult, zum Glück erst nach der Schule.
Festgestellt, dass ich Mathe als LK nehmen muss. Heute schon stundenlang gerechnet, bis es dann nicht mehr ging, hat was gebracht.
Ich bin einfach so grottig in Rekonstruktionen :buhu:
Und von morgen bis Freitag muss ich arbeiten, werde ich auch nicht so großartig zum Lernen kommen.

Bei dem Chirurgen gewesen, richtig gut.
Er meinte, er schätzt die Chancen der Kostenübernahme auf 50:50
Sonst pro Arm/Bein zwischen 1000-2,5.
Erfreut festgestellt, dass ich das Geld für den Arm schon hätte.
Es wären zwei Termine pro Arm/Bein.
Vom Unterarm sind es ungefähr 10 cm in der Länge, da würde der das in der Breite von 2 cm rausschneiden und vernähen.
Verschiebeplastik, wie Papa schon vermutet hat.
Der fand das lustig, dass ich im Fachjargon geredet habe ^^
Sowas wie Intrakutannaht, Plexus und so. Er ist aber auch ein extrem angenehmer Mensch!
auf seinem Schreibtisch lagen Akten mit lesbarem Adresskopf und ich meinte, ich würde das umdrehen.
Er meinte „Ach Gott, Sie haben vollkommen recht, ich hoffe, Sie kennen die nicht?“
Und ich, dass ich es nicht gelesen hätte. Er fand mich aufgeweckt ;)
Der würde quasi beim ersten Mal jede zweite Narbe ausschneiden und vernähen, damit die Spannung nicht zu groß wird.
Und nach 6-12 Monaten den Rest.
Wenn der Brief von ihm kommt, gehe ich damit mal zur Krankenkasse und hoffe.

Sonst brenne ich gerade DVDs. Meine externe Festplatte ist nämlich voll, da kann ich keine Sicherungen mehr machen.

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30. Januar

30. Januar 2014

Ein Jahr.

Gleichzeitig sehr intensive Erinnerungen. Gestern „Um diese Zeit lag ich auf der Liege, da bin ich mal wieder weggekippt, da zu mir gekommen, Infusionen.
Der Arzt „Stella, ich hab mit der Psych gesprochen. Fühlst du dich jetzt angepisst? Über deinen Kopf hinweggesetzt?“
Dann jetzt um die Zeit, die Götterärztin bei mir, ihre kalte Hand, Chiara und der Oberarzt „Jede Verletzung kann zur Zeit die letzte sein“

Ein Jahr.

Vorhin war ich total mies drauf. Dachte an ne Intox „Nur heute, ist doch egal“
und die gesunde Seite „Nein!“ und wieder die Kranke verzweifelt/sauer „Was bleibt mir denn dann noch?“

Das Leben.


I remember

4. Oktober 2013

Es wird kälter und die ganzen Absturz-Bilder werden präsenter und schwieriger. Ich habe das Gefühl, ich bin allgemein leicht zu traumatisieren, weil ich mich an alles Intensive sehr bildlich wieder erinnern kann.
Egal was, einmal im Sommer saß ich mit einer im Auto und hatte plötzlich das Bild von meiner Mutter vor mir, wie sie beim fahren im Sommer aussieht. Ich konnte ihre Sommersprossen auf der weißen Haut vor mir sehen und hatte den Geruch vom alten Auto in der Nase.
Das, obwohl es nichts besonderes war. Aber bei schlimmen Sachen macht mir das sagenhaft zu schaffen, ich habe auch Körpererinnerungen, wie es sich angefühlt hat, auf dieser RTW Trage, als es kalt war. Die Bewegung im liegen, mit den Füßen vorraus aus dem RTW.
Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit vereinnahmt mich dann.
Diese laufen mit dem Gedanken „Denk nicht nach, tu es einfach“, wenn ich mal wieder Klingen gekauft habe, wie ein Roboter, es getan habe und dann ähnlich stumpf in die Ambulanz ging.
Durch die Kältte.
Die Warterei, das auf und ab gehen in den Gängen.
Ich nahm mir Bücher mit, Schulunterlagen, für die Wartezeit, um nicht durchzudrehen.
Irgendwann ging es dann nicht mehr und ich saß da wie ein Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank.
Stumpfsinnig.
Wer hat Dienst, warum sitze ich zum x ten Mal schon wieder hier rum, warum bekomme ich das nicht unter Kontrolle.

Es fühlt sich an, als würde die Kontrolle mir entgleiten, so wie damals, im letzten Winter.
Auf dem Heimweg, jeden Abend, komme ich hier an der Apotheke vorbei.
Ich schaue jeden Tag nach, ob sie Notdienst hat.
Denke „Stella, heute hat sie Dienst, pass auf dich auf, in der Schule und sorge dafür, dass du heil daran vorbei kommst ohne 40-60 Tabletten zu kaufen.“
Bloß um zu vermeiden, dass mich die Bereitschaft überrascht und ich impulsiv aus dem Gefühl heraus Mist baue.
Das ist nervig und zehrt.
Heute hat sie Dienst. Stella, wir gehen VORBEI!


-.-

24. August 2013

Ich find diese mega scheiß Stimmungsschwankungen sooo ätzend!!!
Vllt krieg ich ja meine Tage, aber heut ist es echt unlustig…
Schule war auch antrengend. 2 Stunden Bio, 3 Stunden Geschichte, 2 Stunden Mathe.
Ich glaub, beim letzten Geschi Lehrer wars einfacher, ne 1 zu kassieren. Dafür ist der Biolehrer besser als die letzte.
Er ist auch so von seiner Art spitze! Hat direkt mal Karrieretipps für alle gegeben ;) :daumen:
Ich bin in meinem Sitzeckchen echt glücklich.
Die Älteste in unserer Klasse ist über 50 und hat per Post anonym einen Hassbrief bekommen. Ein Gedicht im Sinne von, wie faltig und hässlich sie ist und dass noch 100 Schönheits OP’s nichts bringen und sie immer hässlich bleiben wird.
Ich finde das ziemlich unglaublich… Blöderweise nimmt sie sich das auch noch zu Herzen, im Sinne von „So faltig bin ich doch gar nicht“ und ich „Naaain!!!“
Wegschmeißen will sie es nicht.
Dieser Kindergarten .. ich glaub, wer so drauf ist, wächst da auch nie raus :ka:

Am Montag fällt 2 mal die Lehrerin aus, macht 8 Minusstunden in Englisch. Dafür haben wir diesen Montag dann 4stündig Mathe, und können 2mal samstags früher gehen.
Einer hat echt hartnäckig alle 25 überschrien, dass ihm das nicht passt, und der Lehrer war echt am wanken, aber nur wegen einem Schreihals.

Und ich hock mal wieder hier, den ganzen Tag und denke „Am I allowed to…“
NEIN!
-.-
GUT, dass ich keine vertraute Chir. Ambulanz in der Nähe hab :wall:


Tag 91

29. April 2013

Am Montag, dem 28. Januar 2013 wurde ich zum letzten Mal genäht. Es war zugleich das dritte Mal in 7 Tagen und sollte das letzte Mal für sehr lange Zeit sein. Ich hatte beschlossen, die Stadt zu verlassen und zu meinem Dad zu ziehen, da mir klar war, dass ich die Selbstverletzungssymptomatik in dieser Stadt nie aufgeben könnte. Zu gewohnt, zu vertraut, zu routiniert war es da schon geworden. Routine steht Veränderungen im Weg. Vor allem, wenn man gefühlsmäßig nicht zu 100% hinter diesem Veränderungswunsch stehen kann.

Die fehlende Tagesstruktur machte mir zu schaffen. Mein Plan, möglichst schnell irgendwo zum Arbeiten unterzukommen, funktionierte nicht, ich war unzufrieden, hatte Zukunftsängste – kurz: Alles schwierig!
Die chronisch labilisierenden Faktoren (Familie!) waren ebenfalls dauerpräsent. Ich wurde wieder Stammgast in der chirurgischen Ambulanz, mit nur einer Veränderung zum letzten Jahr: Ich blieb fast immer über Nacht zur Überwachung.
In die Klinik schaffte ich es immer irgendwie, kreislauftechnisch. Doch nach einer gewissen Zeit trübte ich beim nähen immer stark ein. Hörte zwar noch alles, der Körper wollte aber nicht mehr, reagierte nicht mehr.
Die O2 Sättigung rauschte auf bis zu 86% und die Kraft ging aus. Ich bekam einen Zugang, Flüssigkeit, eine Sauerstoffbrille und wurde monitorüberwacht bis zum nächsten Tag. Dann schwankte ich nach Hause bis zum nächsten Mal.
Schließlich war es soweit: Ich lag mal wieder mit allem drum und dran in einem Bett der Chirurgie und dachte, Stella, hier wird das mit der symptomfreiheit nichts.
Eine Schule mit Beginn ab Februar hatte abgesagt. Dann eben doch zu meinem Dad. Dort würde ich mich auch nicht mehr derartig verletzen können, weil es einfach nicht mehr zu vertuschen wäre.
Ich traf meinen Dad, es wurde konkret. Angst vor der Veränderung, vor dem Verlust des Vertrauten kämpfte gegen die große übermächtige Hoffnungsblase an.
Mit dem Umzug würde alles anders!
Bis dahin…
Ich wollte mich auch gefühlsmäßig davon überzeugen, dass es die richtige Entscheidung war. Von der Vernunft her war es das, doch der Bauch hat doch meist den größeren Einfluss als der Verstand. Und das Bauchgefühl hält an allem fest, was vertraut ist, selbst, wenn es auf Dauer umbringt.
Das umsorgt-werden gab mir viel, die Zuwendung.
In einer Krise kann man in die psychiatrische Ambulanz gehen, da muss man eigenverantwortlicher sein, als in der Chirurgie.

Da muss ich zusehen, dass ich etwas erzähle, damit das Gespräch nicht nach 10 Minuten schon wieder beendet ist, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Und zu sagen „Können Sie bitte einfach eine Weile mit mir hier rumsitzen“ ist auch komisch. Dann werd ich gestresst, möchte nicht alleine sein in dem Moment, möchte aber Schweigen dürfen, ohne das Gefühl zu haben, der Diensthabende schaut nur auf die Uhr.
In der Chirurgie ging das. Außerdem war der Aufruhr schon durch die Verletzung viel besser. Dort musste ich nichts tun, konnte nur da sein und jemand war bei mir und „heilte mich“, so plakativ das klingt, so fühlte es sich auch an.
Hinzu kam der innerliche Kinderanteil. Der ist es gewöhnt, dass sich Menschen an dem Körper abreagieren. Damals wurde sich nicht um Verletzungen gekümmert.
Nun war das anders, nun war ich selber groß, fügte mir stellvertretend und mit der selben Gewohnheit/Selbstverständlichkeit Verletzungen zu, um mich abzureagieren.
Diesmal erhielt ich jedoch anschließend Zuwendung/Versorgung. Auch durch mich selbst. Mit Verletzungen ging ich meist sehr liebevoll und fürsorglich mit mir um. Passte besser auf mich auf, war sehr viel friedlicher mit mir.
Das kam auch früher vor, jedoch unzuverlässig(er). Ich fand es schon immer ungewöhnlich, wenn Menschen einfach so nett zu mir waren.
Mobbing Erfahrungen.
Das gab sich mit der Zeit. Ich versuchte, mir eine stolze Körperhaltung anzugewöhnen und merkte, wie anders ich so auf andere Menschen wirkte. Ich fühlte mich unangreifbarer.
Kurze Kontakte nutzte ich als Übungsfeld, was sehr gut funktionierte.
Längere Kontakte waren nach wie vor schwieriger, unterstützt durch einige der sogenannten „negativen Grundannahme“.
Gestreut wurden die über Jahre auch von meiner Mum.
„Kein Wunder, dass der dich mag, der muss ja auch nicht mit dir zusammen leben.“
„Mit dir kann man einfach nicht vernünftig reden. Dich kann man einfach nur schlagen!“
„Kein Wunder, dass dich niemand haben will. Du bist eine Zumutung. Womit hab ich so ein Kind verdient……………………….“
Das glaubte ich so sehr, dass ich es nie hinterfragte.

Viele kamen mit der Krankheitssymptomatik nicht zurecht.
Ich fühlte mich alleine.
Gleichzeitig suchte ich immer nach einer stabilen Bezugsperson, die mich nahm wie ich war, die mich mochte, mir Gutes wollte und mich nicht verließ.
Trotz meiner Schlechtigkeit, von der ich nach wie vor überzeugt war.

Eine Sportlehrerin wurde in der 7. Klasse zu dieser wichtigen Person. Sie hatte mich auf meine Verletzungen angesprochen. Gesagt, dass ich ihr nicht egal war. Das ging bis über die Schulzeit hinaus, dass ich an ihr hing.
Es bestand hin und wieder Kontakt, privat wurde es von ihrer Seite jedoch nie.
In Therapien und Kliniken erfuhr ich langsam, dass es Menschen gab, die fanden, man könnte einfach so nett zu mir sein.
Die das Menschenbild hatten, dass jeder Mensch prinzipiell Wertschätzung verdient hätte.
Sogar ich.
Ich klammerte. Ich misstraute ihnen, lotete Grenzen aus bis zum gehtnichtmehr. Manche gingen, andere blieben.

Donnerstag 24. Januar 2013
Ich saß wieder im Warteraum der Chirurgie und war nervös. Wer war da? Ein Pfleger, den ich nicht kannte, kam heraus und nahm die Patienten nacheinander in einem Raum auf. Das kannte ich nicht. Als ich aufgerufen wurde, war ich noch nervöser und lachte die ganze Zeit unglücklich. Ich baue Stress oft durch lachen ab, was schnell zu Missverständnissen führt.
Chiara kam und rief einen Patienten auf und meine Angst stieg. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie wieder Dienst hätte. Würde sie genervt reagieren?
Als der Pfleger mich aufrief, stand ich wie immer beschämt, verängstigt und kopflos da. Mein Kreislauf war schlecht, aber um mich hinzusetzen war ich zu nervös.
Chiara kam rein. „Es tut mir Leid, ich zieh bald weg“ sagte ich beschämt. Sie lachte ein bisschen und streckte mir ihre Hand entgegen. „Guten Abend, Frau K.“
Mir fiel ein Stein vom Herzen.
„So schlimm wie beim letzten Mal?“ fragte sie.
„Ich glaub nicht“ sagte ich.
„Na, das ist doch schonmal was“
Der Pfleger kam rein und sah es sich an. Ich bekam aus heiterem Himmel einen kompletten Angstanfall, wurde starr. „Und wie wohnen Sie dann bei Ihrem Dad? Wohnung oder Haus?“
Ich konnte nicht reagieren, mein Kiefer fühlte sich an wie aus Stein gemeißelt.
„Stella, gaaanz ruhig“ dachte ich. „Atme in den Bauch. Ruuuhig, Stella, ruuuhig…“
„Wann war das ungefähr?“ Chiara
„Frau K?“
„Um .. sieben“ sage ich leise.
Der Pfleger geht raus. „Haus“ sage ich deutlicher. „Er hat ein Haus. Und ich hab Angst vor dem“ füge ich weinerlich hinzu.
„Vor meinem Pfleger?“
„Jaa…“
„Soll ich ihn raus schicken?“
„Jaa…“
Sie steht auf. „CARSTEN, ich schaff das alleine“
„Der ist nur gestresst. Nachts haben Internisten und Chirurgen Dienst und er ist für beide zuständig. Ständig wollen die Leute was von ihm…“ erklärt sie.
Ich nicke. „Ich krieg nur Angst, wenn Leute wütend und gereizt sind. Ich rieche das! Vor allem bei Männern“
„Haben Sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht?“ fragt sie leise.
Ich möchte nicht antworten. Berühre ihren Arm. Wir sehen uns in die Augen und sie scheint zu verstehen. Die Grenze zwischen dem Drang der Non-verbalen Kommunikation und einer Grenzverletzung. „Hat Ihr Vater eine Freundin oder neu geheiratet?“ fragt sie.
„Er hatte eine Freundin..“ Ich werde apathisch, etwas träumerisch. „Der hat ihr aber weh getan..“
„Psychisch oder körperlich?“ fragt Chiara.
„Letzteres“
„Hat er Ihnen auch weh getan?“
„Nee… Nur.. einmal.. oder zweimal.. oder dreimal..“ sage ich weiterhin leise und verträumt.
„Und da wollen Sie hinziehen?“
„Hmm….. ich hab zwei Papas. Und es gibt auch zwei Stellas. Eine große und eine kleine“

Sie erzählt mir etwas lustiges und ich werde wieder normal.
Lachen, lästern über facebook und „Freunde“, die jeden Mist posten.
„Also, so wirklich besser als letztes Mal ist das ja nun nicht“ findet sie.
„Es ist vielleicht nicht ganz so tief, aber sonst…“
Nach dem ersten Schwung Fäden geht sie und versorgt andere Patienten. Der Pfleger kommt rein, möchte verbinden.
Er ist immernoch total geladen. Ruuuhig, Stella! Du musst es deeskalierend formulieren! Ruuuhig, bleib bei dir!
Ich bitte ihn ruhig und höflich, die Kompressen festzukleben, weil Verbände nicht halten.
„Ich mach das so, wie ich denk!“
Ich fange an zu zittern.
Er wickelt es um den Oberschenkel und ich will das nicht. Ich nehme ihm die Binde aus der Hand und wickle selbst. Er sieht mich an, als würde er mich gleich anschreien.
Ich will auch schreien. Nach Chiara. Sie soll mich beschützen.
„Kann ich kurz zur Toilette?“
„Nein, ich hol Ihnen einen Topf.“ Er meint, dass man den ganzen Rest sonst nochmal desinfizieren muss. „Ist doch nicht schlimm, das mach ich selber!“
„NEIN“
Ich kann nicht.
Ich atme tief durch. Ruuuhig, Stella
Ohne was zu sagen ziehe ich die Hosen hoch. Er sieht mir zu und rauscht ab. Chiara kommt rein. „Machen Sie“ sagt sie und ich gehe.
Komme wieder, schnappe mir das Desinfektionsmittel samt Kompresse und gehe drüber.
Zittere ohne Ende. „Ey, ich PINKEL doch nicht vor nem MANN“
„Ist ja gut“ sagt sie. „Ich mach jetzt weiter“
„Es tut mir Leid!!!“ sage ich. Ich werde erschöpft. Hole langsam und tief Luft und habe das Gefühl, dass der Puls rast.
„Ist schon gut. Der ist nicht sauer auf Sie, sondern auf mich. Ich hab was verpennt..“ meint sie. Ich atme schwer. Sie spritzt die Betäubung ein. Bekomme Druck auf den Ohren. „Ich hab das Gefühl, die Lokale gibt mir immer den Rest“ sage ich.
„Die Blutarmut und der hb sind schon schwierig, aber ankommen tu ich hier immer irgendwie. Die Lokale haut mich dann meistens um“
Sie lacht „Ich kann auch ohne Betäubung nähen, mir tuts nicht weh“
„Aber mir!“
„Auf der einen Seite freue ich mich ja immer, Sie zu sehen. Mit Ihnen kann man sich so gut unterhalten, aber Sie sind doch die zeitaufwändigste Patientin. Und das Problem ist eben, dass man keine Zeit hat. Jemanden mit Oberschenkelbruch hab ich schneller durchgeschleust als Sie“
Es gibt mir so viel, wie sie mit mir umgeht. Wie eine Freundin.
„Ich hab Ihnen so die Daumen gedrückt mit dem Gymnasium.
Ich schäme mich dafür, mir derart diese Nähe zu „erschleichen“. Aber es gibt mir so viel. Mittlerweile habe ich das Gefühl, mehr privates von ihr zu wissen, als ihre Kollegen.
Was ich lese, ob ich Tips für sie hätte. Ich meinte, ich lese viele Blogs. Ob ich auch einen hätte und sie die Adresse haben könne.
Dass die Leute ständig wegen offensichtlicher Arbeitsunlust kämen, um eine Krankmeldung zu holen.
„Die kommen dann mit Sprunggelenksschmerzen und humpeln dir ordentlich was vor, gehen dann ganz normal zum röntgen, humpeln zu dir und jammern! Wenn ich gute Laune habe, diskutier ich das auch mal ne 3/4 Stunde mit denen aus, aber wenn ich schlechte Laune hab, geb ich denen das einfach und denk – Geh einfach schnell wieder. Eigentlich paradox, aber… “
„Hmm.. Ich glaub, ich hätte da keine Probleme mit“ sage ich nachdenklich. „Ich kann mich bei sowas eigentlich immer ganz gut durchsetzen“
Sie „Echt?? Lass mal Rollenspiel machen, mag ich zwar eigentlich gar nicht aber gut. „Frau Doktor, ich habe Schmerzen, ich kann so nicht arbeiten gehen, ich brauche eine Krankmeldung“
Ich „Ich kann Ihnen keine Krankmeldung schreiben, auf dem Röntgenbild ist nichts zu sehen“
Sie „Aber ich kann so auch nicht Auto fahren, vielleicht habe ich eine Unfall!!“
Ich zu ihr „Und dann sind SIE Schuld?“
Sie lacht. „Ja, genau so“
Ich „Von mir bekommen Sie keine Krankmeldung, ich gebe Ihnen die Röntgenbilder mit, Sie können sich eine zweite Meinung einholen“
Sie wiederholt jammernd, ich sage „Von mir bekommen Sie keine Krankmeldung und jetzt muss ich weiter, schönen Tag noch“
Wir lachen beide.

Ich spüre Sauerstoffmangel. Atme zwar tief, habe jedoch zunehmend das Gefühl, dass es nicht ausreichend an die Organe abgegeben werden kann. Äußere und innere Atmung. Ich schließe die Augen. Dämmere vor mich hin, während sie fertig näht.
Sie nimmt mir Blut ab und legt wieder einen Zugang. Es ist kein Bett frei, ich soll entweder in das eine Krankenhaus oder in das Andere verlegt werden. Ich möchte in das Nähere.
Dann erfährt sie, dass es doch klappt. „Bis morgen um 7 Uhr. Die Patientin ist auf Intensiv, kommt aber morgen früh wieder“
Sie fährt mich im Rollstuhl auf die Station. „Ich benutze nie den Fahrstuhl, weil ich das Gefühl habe, damit die Welt zu retten. Von daher kann ich nicht sagen, ob wir in dem Aufzug dahin kommen, wo ich will“ sagt sie. Ich muss lächeln.
Ihre Art.
Steige wacklig ins Bett. Ein Liter Infusion.

Am Freitag sehe ich bei der Visite zum ersten Mal im Jahr den Chirurgen wieder, dem ich auch den Brief geschrieben hatte. „Meine Oberärzte wollen, dass du mit dem Psychiater sprichst und am besten in die Klinik gehst“ kommt er ohne Umschweife zur Sache. „Das macht ja so keinen Sinn mehr“ Das sagt er immer. „Dein hb ist bei 7, das ist echt mies! Nimmst du deine Eisentabletten regelmäßig?“
Ich bejahe. „Ist das okay, wenn später ein Neurologe vorbei kommt? Du kannst auch sagen, du hast keine Lust auf das ganze und gehst einfach.“ Da ich das Gefühl habe, die würden mir das übel nehmen, stimme ich zu. Der Neurologe ist entspannt. Er versteht, dass es mich stresst, dass ich diesen Fixpunkt des Umzugs habe, selbstverletzungstechnisch.
Der Chirurg kommt wieder. Gebe kurz das Gespräch wieder. Nein, ich möchte nicht in die Klinik, ich schaffe das auch so. Skeptischer Blick.
„Zumindest übers Wochenende!“ verspreche ich.
„Danach sehe ich weiter“
Frage nach einer Eiseninfusion. Er setzt es an. Ich soll verlegt werden. In der Gynäkologie ist ein Bett frei. Nachdem die Infusion durch ist frage ich, ob ich gehen kann.
„Magst du nicht noch bleiben?“ versucht er es. „Wenigstens bis morgen?“
„Nein, ich schaffe das“ sage ich.
„Okay… Aber pass auf Dich auf und schon Dich!! Du siehst echt bleich aus“ Es klingt nach Sorge, die mich innerlich zu wärmen scheint.

Ich gehe im Zeitlupentempo.
Alle 20 Meter muss ich verschnaufen. Setze mich da auf ein Mäuerchen und da auf eine Bank. Ich kann nicht direkt in die WG, da ich einer Sozialarbeiterin noch einen Termin absagen muss und ich keine Nummer von ihr habe.
Ich schleppe mich an den Platz. Sitze dort in einer ihrer Decken und frage mich, wie ich heim kommen soll. Sitze mit geschlossenen Augen und fix-fertig in dem Auto und friere jämmerlich.
Nach einer ¾ Stunde geht es wieder und ich nach Hause. Bett.
Schlafe fast 20 Stunden und besuche Mira und Sabira. Verabschiede mich. Schlafe wieder bis Sonntag Nachmittag. Nehme meine Tabletten, esse und schlafe.

Montag.
In der körperlichen Verfassung wird es heikel, mich zu verletzen. Aber das Verlangen ist größer als die Vernunft. Ich rechne. Wenn ich mich verletze, muss ich sicher wieder über Nacht bleiben. Dann hätte ich noch den Dienstag und Mittwoch Vormittag um Dinge zu organisieren. Ich mache mir nichts vor. Ich wusste seit Freitag, dass es noch einmal sein muss, ich kämpfe nicht. Nervös bin ich dennoch. Ich bete als Atheistin, dass es diesmal noch gut gehen möge. Nur noch dieses eine Mal.

Der Kreislauf spielt besser mit, als gedacht. Der Chirurg hat Dienst. „Okay, Stella, wie ist der Plan?“ fragt er.
Umzug, sage ich. Er hält nicht allzuviel davon. „Da müssen wir uns was anderes überlegen.“ Er fragt nochmal nach der DBT Station. Ja, sie war sehr gut, nur die Wartezeiten sind lang. Er möchte anrufen, die Situation schildern und fragen, ob man da nicht was machen kann.
Ich fühle mich überrumpelt. Muss erstmal nachdenken. Das versteht er. „Überlegs dir, wir haben hier ja noch ne Weile zusammen“ Ich möchte zur Zeit nicht in die Klinik. Außerdem ist es mir unangenehm, wenn er sich deswegen rein hängt. Weil es beweist, wie oft ich tatsächlich komme. Irgendwann kippt der Körper wieder weg. Ich schaffe keine Bewegung mehr, keine Kraft, zu wenig Sauerstoff, doch es ist mir egal. Fühle mich losgelöst, merke, dass mein Atem viel zu flach ist, kann nichts dagegen tun. „Stella??? Frau K???“
Er versucht, mir einen Zugang zu legen. Zwei Mal.
„Hol mal die Narkoseärztin“ sagt er zur Schwester. Sie kommt „Die ist mir während der Wundversorgung weggepennt“ erklärt er.
„Na super. Ist sie noch woanders in Behandlung außer der Chirurgie?“
Nach Aufforderung halte ich die Augen kurz offen, aber nicht lange. Ich versuche es, aber ich kann nicht. Ich schaffe es auch nicht, tief einzuatmen. Mir fehlt für alles die Kraft.
Die Ärztin streichelt mir über Arm und Gesicht.

Gegen Mitternacht wird es besser. Ich habe wieder Kraft. Die Infusion läuft auf schnellster Stufe. Ich habe wieder eine O2 Brille und langsam steigt die Sättigung auch wieder.
Ich setze mich auf. Im Raum neben mir wird gerade eine Punktion durchgeführt. Eine Zeit später kommt er rein.
„Stella, ich hab mit den Kollegen der Psychiatrie gesprochen. So geht es echt nicht weiter! Ich weiß, dass du dich mit den Verletzungen nicht umbringen willst, aber dennoch haben sie ein Maß angenommen, dass es lebensbedrohlich ist. Du warst vorhin schon sehr gut weg, es war nicht kritisch, aber es reicht!“
Ich schweige, höre zu. Es ist viel. Er redet noch mehr, aber ich kann es nicht vernünftig aufnehmen. Von Einweisung ist die Rede. „Fühlst du dich jetzt angepisst? Über deinen Kopf hinweggesetzt?“
„Nein!!“ versichere ich.
„Hast Du noch eine Frage?“
Ich muss auf die Toilette. Bitte darum, laufen zu dürfen. Dass es klappt erleichtert mich. Ich habe wieder die Kontrolle. Die Schwester fährt mich auf Station. Es ist das dritte Mal, dass ich dort bin. Die Schwester kennt mich.
„Was ist heute passiert?“ fragt sie streng.
Die Frage verwirrt mich. „Das Übliche…“ sage ich vage. Eigentlich könnte ich direkt weiter schneiden.
Bekomme weiter Sauerstoff und 2 Liter Flüssigkeit über Nacht. Trotzdem bleibt die Sättigung zu tief. „Aber ich spüre überhaupt nichts. Keinen Sauerstoffmangel“ sage ich verwundert.
Die Schwester meint, ich hätte durch die Verletzungen sehr viel Adrenalin im Körper. Ich schlafe.

Visite. Chiara ist da. „Ich mein, ich mag Sie. Klar ist es Ihre Sache, aber.. Das wird jetzt echt zu gefährlich“ sagt sie leise. „Wir möchten, dass Sie in die Klinik gehen“
„Ich verletze mich nicht mehr! Versprochen. Ich halte mich an sowas. Ich hab am Freitag auch gesagt, ich mach am Wochenende nichts und hab mich dran gehalten“
„Und warum nehmen Ihnen die Leute nicht durchgehend Versprechen ab?“ fragt sie skeptisch.
„Das gab es schon. In Therapien. Immer für die nächste Woche“
Sie lacht. Doch „Letztlich versuche ich es jetzt, Sie zu überzeugen. Dann kommt später nochmal jemand und dann versucht es der Nächste. So wie es aussieht gibt es keinen anderen Weg.“ Außerdem sorgt sie sich um die kleine Stella und den schlechten Dad.
„Tun Sie mir einen Gefallen und bleiben Sie wenigstens bis morgen.“
Ich willige ein und bleibe unruhig zurück.

Die Vergötterte kommt. Versuche, mit ihr rumzudiskutieren, lasse es dann. „Stella, das ist alles nur vorgeschoben! Die Mieterin, dein Dad.. Mit dem ist es doch eh nicht so weit her!
Stella es geht um DICH und darum, dass DU gesund wirst! In Deinem Zustand schaffst Du sowieso keinen Umzug.“
„Warum? Ich muss nichtmal fahren!?“
„Wenn du dich weigerst können wir dich auch zwangseinweisen und das ist es ja auch nicht unbedingt, was du willst!
Wir haben uns das eh schon viel zu lange mit angeguckt.“
Ich bin überfordert. Um mich haben sich noch nie so viele liebe Menschen gekümmert, und ich möchte nicht, dass sie das Gefühl haben, mir wäre das egal.
„Ich mein, sagt sie, wir könnten ja auch sagen, es ist uns egal. Aber das ist ja nicht so.“
Ich greife nach ihrer Hand und sie zieht sie nicht weg.
„Jetzt schlaf noch ein bisschen. Ich komm später oder morgen wieder und dann will ich ein Ja hören!“

Ich rege mich wahnsinnig auf. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich es gelassen, murre ich zu Chiara. Sie lacht.
Ich brauche Luft, sonst raste ich aus. Ich gebe Bescheid und gehe raus aufs Gelände. Versuche, mich runter zu bringen. Eine Schwester bringt mich relativ schnell wieder auf Station.
Der chirurgische Oberarzt will mich sprechen.
Unterwegs bin ich immernoch so geladen, dass ich versehentlich mit der Hand gegen den Schrank knalle. Der Schmerz bringt mich etwas runter. Das Zimmer ist leer und ich gehe auf den Balkon. Ich stelle mir vor, einfach runter zu springen. Nicht mehr, kein Drang, bloß die Vorstellung.
„Er wird ausrasten, wenn die Planung umsonst war. Und ich MUSS bei ihm leben.
Chiara kommt rein. Ich hoppse durchs Zimmer. „Vergessen Sies, das zieht nicht“
„Waaas?“
„Na, gute Laune spielen“
„Von wegen gute Laune. Ich hab STRESS!“ Ich zittere mal wieder.
Der Oberarzt kommt. Stellt für Chiara und sich Stühle ans Bett. Eine Schwester steht auch noch dabei. Ich setze mich ihm gegenüber, aufmerksam. The show must go on.
„Fakt ist, lege ich los, dass ich mich bisher nur ein einziges Mal bei ihm selbst verletzt habe!“ Ich halte ihm einen Vortrag, versichere, dass ich nicht in die Klinik muss, dass ich mich nicht mehr schneide.
Ich versuche alles. „Warum die Klinik? WO ist die Indikation???“
„Die Indikation ist das lebensgefährlich Ausmaß, das Ihre Selbstverletzungen angenommen haben“
„Aber ich schneide mich nicht mehr! Warum kann ich morgen nicht mit dem Psychiater sprechen? Der kennt mich!“
„Frau K, es wird Sie so keiner gehen lassen. Bei Ihren Blutwerten kann jede erneute Verletzung die letzte sein.“
„Mann, ich hab einen hb von 7,5 – ich hatte schon einen von 6!!! UND ich verletze mich ECHT nicht mehr. Warum haben Sie die letzten Male sowas nicht angekündigt?“
Das ist nun nicht gerade wahr. Naja..
„Da wird keiner die Hand für ins Feuer legen. Außerdem stehen wir sowieso immer mit einem Bein im Knast! Wenn Sie das in den Griff bekommen, werden solche Einweisungen auch seltener.“
„Ich wurde schon lange nicht mehr wegen so einem scheiß eingewiesen“ murre ich.
Nichts zieht. „Die Entscheidung steht, der Transport ist bestellt“
Alles umsonst. Ich bin sauer, verängstigt…
Trotzdem kann ich es aus ihrer Perspektive natürlich verstehen.
„Ich wünsche Ihnen trotzdem, oder gerade deswegen alles Gute“ Er streckt mir die Hand hin. Knurrend drücke ich sie.
„Auf Wiedersehen“
Ich lache „Ich hoffe nicht!!“ Er lacht auch „Na.. beim einkaufen oder so“
Ich seufze.

„Wir sind fies, gell?“ sagt Chiara mitfühlend.
„Ja“ ich strecke meine Hand aus und sie nimmt sie. „Das ist der Vorteil an Oberärzten. So als Überbringer schlechter Nachrichten“ Ich lächle.
„Soll ich noch bei Ihnen bleiben? Sonst könnte ich noch Papierkram erledigen, aber wenn Sie sagen, ich soll bleiben, bleib ich noch, bis die kommen“
„Behalten“ sage ich.
„Okay, behalten.“ Sie wendet sich an die Schwester. „Ich bleib dann noch hier, ist okay“ Die Schwester geht.
„Haben Sie Lust, mit mir in Kontakt zu bleiben?“ frage ich.
Sie strahlt. „Prinzipiell unbedingt!!! Wie gesagt, ich hab mich immer gefreut, wenn Sie gekommen sind, hatte deswegen auch schon ein schlechtes Gewissen. Ich muss aber gleich sagen, dass ich nicht so viel Zeit habe“
Jetzt strahle ich auch. „Aber Sie müssen mir nochmal die Adresse von dem Blog aufschreiben“
Sie gibt mir Zettel und Stift. „Ich hab übrigens nachgelesen, Sie sind doch erwähnt“ sage ich.
„Wo Sie es von den cholerischen Oberärzten hatten“
Erstaunt, entrüstet ruft sie „Ich bin nicht cholerisch!“
„Neeein, die Oberärzte“
„Ach sooo. Jaaa. Naja, die Visite hab ich heute auch wieder überlebt“ Siegeszeichen.
Ich lache.

Die Trapo Leute kommen. „Ich freu mich, von Ihnen zu hören!!!“ sagt Chiara und zieht mich fest in eine Umarmung. Ich kann nicht anders, ich freue mich einfach so!
Bei mir im Auto sitzt eine FSJ’lerin. „Sie sind nur ein halbes Jahr älter als ich“ stellt sie fest. „Wobei…“ sie rechnet.
Wann sie Geburtstag hat. „Vier Monate und 9 Tage“ sage ich. Wir lachen.
Ich erzähle, dass ich morgen eigentlich umziehen muss. Zu meinem Dad. „Meine Mutter war früher auch öfter in dieser Klinik. Die hat dann immer gesagt, dass sie 4 Kinder hat und wir sie brauchen, dann haben wir noch auf die eingeredet und dann durfte sie eigentlich auch schneller wieder raus“ sagt sie. Wir reden noch über unsere Pläne. „Na, dann sehen uns vielleicht in 20 Jahren wieder als Notärzte“ sagt sie und wir lachen.

Ich werde aufgenommen. Eigentlich ist die Lage gar nicht so düster.
Ich war schon sooo oft in dieser Klinik und die haben mich eigentlich immer laufen lassen
, überlege ich. Sogar nach heftigen Intoxikationen.
Chiara hatte keinen Brief geschrieben, ich wiegelte die Sache ab. Log nicht, erwähnte lediglich nicht alles. Und meinen miesen hb sieht man mir sowieso nicht so extrem an, gerade durch den Schlaf.
Ich rufe Sabira an. „Die haben mich einkassiert“ jammere ich unernst.
„Was für ein Wunder“ kommentiert sie. „Das war doch absehbar“
„Aber warum gerade JETZT?“ Ich seufze. „Ja, ich kanns verstehen. Aber manchmal haben zwei Parteien recht“ Da stimmt sie mir zu.

Die Nacht ist ruhig und meine Zimmerkollegin auch. Ich stehe am nächsten Tag um 11 Uhr auf der Liste der Visite. „Kann ich mit jemandem tauschen?“ frage ich die Schwester.
Erkläre das mit dem Umzug, sie würgt mich relativ schnell ab.
„Tja, Stella, Extrawürste gibt’s halt nicht, das haste dir jetzt selber eingebrockt“ denke ich.
Dann bin ich doch schon um 9 Uhr dran.
Bekomme wie geplant grünes Licht. Ich bin sooo erleichtert.
FREIHEIT simse ich.
Wenn ich noch einen Grund gebraucht habe, FÜR den Neuen Weg: Nie wieder solche Situationen!
Und mit 100% gefühlter(!) Überzeugung: FÜR ein Leben [= ohne Selbstverletzungen]


Seelenschmerz (trigger)

23. April 2013

Gibt es Wort, was weniger lächerlich und plakativ ist?
Ich glaube nicht…
Egal, es trifft meinen Zustand gerade.
Ich denke, wie luxuriös es jetzt wäre, mich zu verletzen, mich diesen Teil, wo der Schmerz ist, zu töten.
Herrje, das ist glaub ich der erste Blogeintrag, der so schlimm ist.
scheiße, fuck, aber muss raus. Wo, wenn nicht hier?

Also gut, in meinem Kopf ist der Gedanke: Ich will sterben.
Ich sehne mich danach, dass der Schmerz aufhört. Wäre ich in der letzten Stadt, wäre ich nun wohl in der Chirurgie oder der Inneren.
Aber: Ich habe mich mit diesem Umzug FÜR das Leben entschieden…
Jetzt im MOMENT würde ich alles dafür tun, dort zu sein. Wunschvorstellung: schneiden, intoxikieren und dann bei den Chirurgen sterben.
„Gehen dürfen“

Ich fühle mich als kleines Kind, das im Schnee ausgesetzt wurde.
Ohne Verlassensängste – weil da eh keiner wäre, der verlassen könnte.

Naja, früher hätte ich Mist gebaut. Wäre zu einer Nachtapotheke gegangen und hätte mich vergiftet. Nicht lebensbedrohlich, aber so, dass ich wieder ins Krankenhaus müsste. Ich etwas Auszeit hätte, von dem Wahnsinn in mir, der mir die Sinne raubt.
Es
tut
so
weh

Aber: Schon während dem schreiben spüre, wie es leichter wird.
Etwas.
Weil ich hier sein darf, wie ich bin. Die Not in Worte fassen kann, das ist so viel Wert.
Wer kein Ausdrucksmittel hat, greift deutlich schneller zu körperlichen Ausdrucksmethoden.
Es gibt da solche Projekte an Hauptschulen, die zusammen lesen und dadurch nimmt die Gewaltrate ab.
Das ist richtig toll.
Und ich merke an mir, dass ich mir wünsche, mich zerschnitten Nähen zu lassen, wenn die Not/das Grauen unaussprechlich scheint.
Das klingt während dem schreiben ab.
Streicht mal das b aus schreiben. Sowas finde ich „schön“
Words..


Winter 2011/12

23. April 2013

In den Tagen um Neujahr 2012 erreichte ich Kerstin. Ich rief sie an, und sie nahm ab, was eine echte Seltenheit ist!
Im Winter 2010/2011 waren wir zusammen auf einer DBT Station.
Obwohl sie doppelt so alt ist wie ich, standen wir uns immer relativ nahe, auch wenn wir nicht so viel redeten.
Doch uns betrafen ähnliche Themen.
Tabletten.
Kerstin ist leidenschaftliche Hauptschullehrerin. „Ich bin halt streng“, sagt sie und das kann ich mir absolut vorstellen. Dabei habe ich sie zugleich als warm, sensibel und einfühlsam wahrgenommen.
Sprich – genau das, was Pubertierende brauchen.
Grenzen.
Was ihr immmer zugesetzt hat, war die Aussicht, berentet zu werden, wenn sie zu oft ausfällt.

Spontan fragte ich sie, was sie am 2. vorhätte.
An diesem Tag würden mein Vater und ich abreisen, ich hatte einen Termin in der Stadt und er musste wieder arbeiten.
Im Ausland, wo er um die 5 Stunden Fahrtweg hat.
Unterwegs wollte ich bei Kerstin aussteigen und übernachten. Ich vermisste sie, wollte sie mal wieder sehen, nachdem wir ein knappes Jahr lang nur sporadischen – dann jedoch intensiven – Briefkontakt hatten.

Es klappte.
Irgendwie kamen wir doch wieder zum Thema Tabletten. Ich erzählte, dass ich seit 18 Monaten nicht mehr intoxikiert war, was sie bewunderte.
Und doch – wir waren beide nicht ganz destruktiv, aber leider auch nicht ganz konstruktiv.
Sie erzählte mir, dass sie Tabletten hätte, die bei Überdosierung Ohnmacht auslösen würden.
Ohne nachzudenken sagte ich „Ich wäre auch gerne mal ohnmächtig“
Sie sagte „Okay, ich geb Dir morgen welche mit“

Heiße Sache!
Und ich fühlte mich gespalten zwischen Experimentierfreude und der warnenden Stimme in meinem Kopf. „Erinner mich morgen dran“ sagte sie.
Ich nahm mir vor, es nicht zu tun.
50:50 Chance – und ich brauchte keine Entscheidung zu treffen.
Genau dieses Verhalten hassen Therapeuten, und richtig gefährlich wird es, wenn man dem Zufall überlässt, ob man stirbt oder nicht.
Ein mir sehr vertrautes Verhalten.
Tabletten schlucken und schauen, ob einen andere retten können. In meinem Fall konnten sie es immer, und mich auch noch vor Folgeschäden bewahren.
Dann soll es jetzt noch nicht sein, dachte ich, dann soll ich wohl noch am Leben bleiben.
Also vertrautes Terrain, die Verantwortung abzugeben.
Nur dass es diesmal nicht um mein Leben ging.

Kerstin vergaß es nicht. Mir war unwohl, doch der Kick schien zu verlockend. Die Kontrolle über den Kontrollverlust – ich konnte entscheiden, wann mein Körper ohnmächtig wurde.
Ein Machtgefühl, dass ich häufig suchte. Wahrscheinlich, um aus dem Gefühl der Ohnmacht und Wehrlosigkeit zu kommen, dass nach und nach verstärkt auftrat, seit dem Menschen meine Grenzen ignoriert und mit Füßen getreten hatten.
Es sollte nur ein Experiment sein! Ich nahm sie an. Eimalig! Nahm ich mir vor. Ich kam nicht an die Tabletten von Kerstin, also brauchte ich mir keine Sorgen über einen längeren Missbrauch machen.
Diese Beruhigungen glaubte ich mir.
Kerstin gab mir 20 und mahnte mich, vorsichtig zu sein.
Das schließt sich nicht aus, auch, wenn es so klingt.
Ich rang mit mir, als ich im Zug saß. Ich durfte es heute eigentlich nicht, ich musste am nächsten Morgen dringend einen Anruf tätigen und eventuell noch auf ein Amt gehen.
Wie so oft aß ich auf der Heimfahrt irgendwas, um besser nachdenken zu können. Ich esse oft so lange, bis ich zu einem Ergebnis gekommen bin.
Ich esse, wenn ich nicht mehr weiter weiss, rastlos und ratlos bin. Ich musste umsteigen und durch eine Unterführung.
Treppen.
Seit Jahren habe ich damit, immer wieder schwächer und stärker, meine Probleme. Ich habe Panik davor, eine Stufe zu verpassen und zu fallen.
Das schreckliche ist der Schreck!
Ich habe dann das Gefühl, mich bis ins Mark zu erschrecken, so, dass ich mich fühle, als würde ich gleich losheulen. Weil ich das schlecht bringen kann, werd ich wütend, die berühmte Anspannung zwischen 70-100.
Hochstressbereich.
Ich konzentrierte mich auf die Füße eines Kindes, das vor mir lief. Und schaffte es dann doch, eine Stufe zu übersehen. Ich knallte auf das kleine Mädchen und begrub es unter mir. Ich heulte, das Mädchen nicht.
Ich heulte bloß, weil ich mich erschrocken hatte, weh tat mir nichts.
Die Mitreisenden waren total fürsorglich und ich lachte und lächelte ganz schnell wieder, weil es in dem Alter seltsam ist, zu heulen, wie ein Kind.
Und dann lachte und heulte ich gleichzeitig.

Als ich im Zimmer ankam las ich erstmal die Packungsbeilage und schluckte dann 2 Tabletten, obwohl ich Angst hatte. Kerstin hatte auch 2 geschluckt um ohnmächtig zu werden.
Ich kannte das Medikament ja nicht. Ich fuhr Straßenbahn.
Das hatte ich schon früher so gemacht:Wenn ich noch nicht ins Krankenhaus wollte, um keine Kohle zu bekommen, aber Angst hatte, dass es mal schnell gehen könnte.
Das ist nie passiert.
Ich war immer selbst in der Lage, entweder ins Krankenhaus zu gehen oder beim Notruf anzurufen.
Kontrolle über den Kontrollverlust ist typisch für mich.
Ich wollte nicht unter dem Schlagwort „Tablettenintoxikation“ aufgenommen werden und überlegte, dass ich den Sturz ja nutzen könnte.
Gelogen war das nicht – ich war tatsächlich mit dem Kopf aufgeschlagen, mit anschließenden Kopfschmerzen. Ich ging in den Jugentreff, schon mit etwas wackligen Beinen.
Früher hatte ich auch immer wacklige Beine, da lernte ich aus der Erfahrung, was gut gegen Kreislaufprobleme hilft.
Gegen die Empfehlung sah ich immer auf den Boden und spannte den Bauch an.
Das half mir jetzt.
Ich erzählte einem anderen von dem Sturz, der Krankenpfleger werden wollte.
Für den Fall, dass es schnell ging, würde er erklären können, was los war.
Zu meiner Enttäuschung wurde die Wirkung wieder schwächer.
Ich schrieb Kerstin und sie empfahl mir, noch 3 zu nehmen. Dieses Medikament ist sehr stark und man nimmt als Patient eigentlich nur eine halbe Tablette beim ersten Mal. Und selbst da sollte man sich laut Packungsbeilage hinlegen.
Ich war nicht Erkrankt und mir passierte nichts, obwohl ich es das erste Mal nahm und so überdosierte.
Frust machte sich breit. 10fache Überdosierung. Und Wut auf diesen Körper, der nicht berechenbar bar, tat, was er wollte. Nicht das tat, was ich wollte, wie früher schon so häufig.
Es musste doch etwas passieren!!!
Schließlich spürte ich die Wirkung doch stark und ging in die Notaufnahme, wo ich meine Treppenstory erzählte.
Ich fror und dennoch war mein Blutdruck eher erhöht, als zu niedrig.
Paradoxe Wirkung?
Ich fand es spannend, zu spüren, wie die Wirkung einsetzte und mein Körper reagierte. Laufen konnte ich nur noch, wenn ich mich festhalten konnte.
Doch im Gegensatz zu den früheren Tabletten, die ich missbraucht hatte, blieb mein Kopf klar.
Und ich fand es blöd, auf dem Monitor zu sehen, wie sich meine – mittlerweile doch gesunkenen – Werte normalisierten.
Keine Ohnmacht.
Ich wünschte mir die kontrollierte Ohnmacht, ich wollte nicht, dass mir etwas passiert!
Ich wollte bloß wissen, wie es sich anfühlt. Dann musste ich zur Toilette und der Kreislauf war in Ordnung, bis ich zu Toilette kam. Als ich aber wieder aufstand, gaben meine Beine doch nach.
Sonst war alles okay.
Nicht gerade das, was ich mir erhofft habe.
Die Nachtschwester rief bei einem Arzt an, weil die Patientin neben mir mit dem Blutzucker ständig abrauschte und nicht konstant ansprechbar war.
Mir fiel Silvi ein, die sich mal Insulin besorgt hatte, um sich das Leben zu nehmen.
Am nächsten morgen erzählte die Patientin, sie habe sich absichtlich zu viel Insulin gespritzt.
Mich hat das total fertig gemacht. Was genau kann ich nicht sagen. Die Traurigkeit in ihrer Stimme. „Ich will nicht in die Psychiatrie“ sagte sie.
„Na, jetzt kommen Sie erstmal mit zu uns“ sagte die Schwester der Intensivstation. Ich kam auf die normale Chirurgische Station.
24 Stunden wollten sie abwarten, bis ich gehen durfte.
24 Stunden nach dem Sturz und ich war schon morgens genervt und verschob die Uhrzeit mal eben von 16 auf 14 Uhr, wo ich dann auch gehen durfte.
Nun war ich erst recht mies gelaunt. Die Wut, der Frust, dass mein Verhalten nicht die erwünschte Konsequenz nach sich zog.
Ich wusste, dass ich in die Psychiatrie käme, würde ich noch einmal kommen.
Und ich ahnte, dass die Mitarbeiter durchschauen würden, dass auch am Vortag Tabletten mit im Spiel waren.
Ich hasse die Psychiatrie! Als ich mit 18 Jahren dort anfing, Dreh-Tür-Patient zu werden, wurde mit mir ein Vertrag aufgesetzt, wonach ich immer 3 Tage bleiben muss, wenn ich wegen einer Tablettenvergiftung aufgenommen wurde.
Doch der Drang war zu groß als jede Vernunft. 15 Tabletten hatte ich noch und in einer eh-egal Haltung heraus schluckte ich diese 6 Stunden nach meiner Entlassung.
Mich belastete das Erlebnis mit der Frau und dem Insulin immernoch, die Sache hing mir verdammt nach und ich wollte auch, dass mal wieder richtig was passierte!
Wie weit ich es mit meinem Körper treiben konnte. Ich wollte die Grenze überschreiten.
Mein Körper – mein Experimentier-Testhäschen. Um zu sspüren, dass ich die Kontrolle über meinen Körper habe.
Hinterher fühle ich Triumph und Genugtuung, aber auch die große Erleichterung, wenn die Sache wieder einmal gut ausgegangen ist.
Ich überlebt habe und keine dauerhaften Schäden habe.
Dieses Gefühl ist überwältigend gut. Dann fühle ich mich stark, unbesiegbar.
Besiegen will mich keiner, aber der Sieg über den eigenen Körper. Natürlich kann man bei solchen Aktionen grundsätzlich nur verlieren, nur leider fühlt es sich anders an.

Ich ging also wieder in die Notaufnahme und sagte das mit den Tabletten.
Die übliche Maschinerie begann – Blut abnehmen, Blutdruck messen, Monitor und Zugang. Zusätzlich Kohle.
Intensivstation.
Das wunderte mich, ich war klar im Kopf und fühlte mich nun auch nicht hundsmiserabel. Doch in diesem Krankenhaus kommt man schnell auf die Intensiv. Anders als in dem Stammkrankenhaus von damals. Da waren Luisa und ich oft in viel schlechterem Zustand, auf die Intensiv kamen wir deswegen aber nie.
„Vorsichtshalber. Falls was passiert um schnell reagieren zu können“ hieß es.
Der Oberarzt kam. Was wir redeten, weiss ich nicht mehr. Ich spürte, das mit der Infusion etwas nicht stimmte. Ich hatte es einmal erlebt, dass mir die Infusionsflüssigkeit ins Gewebe der Hand gelaufen ist, so fühlte es sich an. Meine Venen waren wohl nicht die Besten, die Schwester gab es direkt an den Oberarzt weiter.
In der Infusion war etwas enthalten, was wie ergänzend zur Kohle haben muss. Um 2 Uhr bekam ich nochmal Kohle zu trinken, sonst schlief ich.
In der Visite sagte ich nochmal, was passiert war, dann durfte ich heim, weil ich auch sagte, ich sei wieder gut drauf. „Das glaub ich Ihnen sogar“ sagte die Ärztin spontan.
Ich musste dann noch zu meinem Psychiater, der abklären sollte, ob ich heim durfte und ich durfte.
Der kannte das ja schon von früher und ich sagte ihm, dass es einmalig gewesen war.

Wie lang das anhielt, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls kam es nach einer großen Krise wieder zu Intoxikationen. Ich nahm dann auch wieder die „Alten“ Tabletten.
Weil ich sie kannte und die Wirkung auf meinen Körper.
Vertrautes, bewährtes.
Wenn die Tabletten aus meinem Körper abgebaut waren, war auch die Anspannung weg. Kein rotieren um mich selbst und die immer selben Probleme.
Frieden in mir.

Wieder Ambulanz mit einer Mischintox.
Im Wartezimmer war unheimlich viel los und ich wurde nervös. Die Tabletten wirkten bereits und ich spürte schon ziemlich die Wirkung.
Mundtrockenheit und Gangunsicherheit.
Ich klingelte und sagte, ich müsse noch etwas sagen.
Eine Schwester, die ich ziemlich idealisierte, hatte Dienst. „Sie wollten was sagen?“ fragte sie und ging mit mir rein. „Ja, ich hab Tabletten genommen. Es tut mir Leid, dass ich schon wieder hier bin“ sagte ich verzweifelt.
„Mir tut es leid für Sie!“ entgegnete sie und telefonierte.
Mit dem Giftnotrruf denke ich.
„Ja, sie ist bei uns bekannt – sie ist n Borderliner“
Das macht mir immer ein komisches Gefühl, und das sind dann auch die Leute, die ich idealisiere.
Gradlinig und klar.
„Mir war nur übel“ sagte ich.
Darum die Überdosierung.
Blut abnehmen, Blutdruck messen,
Monitor und Zugang. Kohle nicht, dafür war es zu spät. Ich halluzinierte zimlich.
Durfte am nächsten Tag gehen. Mir war schon früher psychisch übel gewesen. Ich kenne Techniken, mit denen ich diese Zustände abschwächen kann, doch als ich einmal mit den Tabletten angefangen hatte, war es, als hätte die Technik nie funktioniert.
Ich litt unbeschreiblich und rannte davon, statt mir Hilfe zu holen.
Nach einer intox mit diesen Tabletten war mir oft 5 Tage lang nicht übel. 5 Tage sind LANG!
Mein hb sei zu tief, läge bei 8.
Sonst alles okay.

Hin und wieder verletzen, hin und wieder Krankenhaus.
Es ist so irreal. Habe das Gefühl zu träumen und das über Tage. In der Nacht bin ich so in innerer Alarmbereitschaft, dass ich kaum schlafe.
Schaffe es dann auch immer häufiger nicht ohne Tabletten oder verletzen. So kommt ein Krankenhausaufenthalt nach dem anderen, ohne dass ich realisiere, was abgeht.
Am Wochenende bin ich bei meiner Mutter. Ich fühle mich wie im falschen Film, der mir Panik macht.
Sage meiner Mutter, dass ich wohl in die Psychiatrie sollte. Erinnern kann ich mich daran nicht, sie hat es mir erzählt.
Nehme im Rausch Tabletten und wähle selbst den Notruf.
„Die kenn ich!“ sagt die Sanitäterin, als sie mit ihrem Kollegen ins Haus kommt. Sie ist lieb zu mir – beide sind es. Meine Mutter küsst mich, dann gehe ich. Dem Sanitäter erzählt sie, ich sei schon länger in einer starken Krise, hätte den Ausbildungsplatz verloren.
Wir wohnen in einer kleinen Stadt, und ich bin wohl eher jemand, an den man sich erinnert. Jedenfalls mit dieser Art von Erkrankung.
Sie hat mich schon einmal gefahren. Das war knapp 2 Jahre her.
„Da bist Du uns nämlich zusammen gebrochen“ sagt sie. Sie klingt besorgt und scheint heilfroh, mich ohne Zwischenfall der Intensivstation übergeben zu können.
Die 2 Jahre davor hatte ich einen Krampfanfall bekommen, als sie mich – schon im Krankenhaus angekommen – auf die Toilette begleitete.

48 Stunden Intensiv, ohne Zwischenfälle. Meine Mutter besucht mich und wir spielen Karten.
Sie erkennt eine Krankensschwester wieder.
Als ich vor 2 jahren schon einmal auf der Station lag, hatte diese meine Mutter gefragt, warum ich krank sei. Sie erzählte meiner Mutter, ihr Sohn wäre ebenfalls Borderliner.
Diesmal spricht meine Mutter sie an. Sie war ihr dankbar, für die Offenheit vor 2 Jahren. Die Schwester wirkt pikiert. „Mein Sohn ist kein Borderliner mehr“ sagt sie nur und wendet sich ab.
Ich werde in die psychiatrische Ambulanz gefahren, 70 kilometer weit, in der ich erzähle, dass es ein einmaliger Rückfall nach 2 Jahren war und darf gehen.

Ich bekam nichts hin, was ich mir vornahm. Alpträume nachts, und Panikattacken/Anspannungszustände tagsüber. Wieder Tabletten, wieder Krankenhaus. Mein Pullover wird zerschnitten und keiner erklärt mir, wieso, weil ich die ganze Zeit ansprechbar bin.
Intensivstation.
Psychiatrie und nach 3 Tagen gehe ich.

In der Schule konnte ich eines Tages nicht mehr. Ich war körperlich so geschwächt, durch den hb. Ich war totenbleich und kam kaum zu genug Atem.
Da ich meine Arbeit verloren hatte, wurde meine Stelle neu besetzt. Das war schlimm für mich, riss mir den Boden unter den Füßen weg.
Ich mochte sie. Ich wäre gern gewesen wie sie. Auch meine ehemalige Mitauszubildende hing nun nurnoch mit ihr rum und nicht mehr mit mir.
Der Selbstwert lag bei null.
Kein Wunder, dass sie Dich loswerden wollten!
Wie Du aussiehst!
Eine breite Narbe machte mich irre!
Wenn ich sie ausschneiden würde und es neu vernähen ließe, müsste es schmäler werden, überlegte ich.
Es KONNTE nur besser werden!
Ich ging nach hause, verletzte mich.
Ging mechanisch zum nähen.
Eh alles egal.
Ich kannte die Ärztin nicht. „Ich wollte eigentlich nur, dass die Stelle besser aussieht“ sagte ich.
„Naa, wenn ich bös wär, würd ich jetzt sagen, da müssen Sie noch an Ihrer Schnittführung arbeiten“ erwiderte sie. Ich kicherte, entspannte mich.
Sie musste dann in den OP und eine andere sollte das Nähen übernehmen.
Auch diese kannte ich nicht, sie schien mir gestresst.
„Und wenn Sie zuhause sind schneiden Sie sich den anderen Arm auf oder was!?“
Ich kenne es schon von anderen Menschen, dass jedes Wort der Deeskalation nur neuen Zündstoff gibt, also schwieg ich und es half.
Sie meinte, ich bräuchte eine Therapie. „Sie sind schwer krank!!!“
„Ich weiss“ sagte ich um sie runter zu bringen. Wieder Erfolg.
Ich bin wohl talentiert dafür, schimpfende und wütende Menschen runter zu bringen. Ich musste häufig wachsam sein, meine Umwelt beobachten und nach Menschen Ausschau halten, die mir gefährlich werden konnten.
Damit habe ich leider VIEL Erfahrung!
Ich handle dann instinktiv und es klappt.
Früher hing von meinem Erfolg viel ab.
Scheiterte ich damals, waren die Folgen immer verheerend.

Ich fragte sie, ob es möglich wäre, eine alte, jedoch offene Verletzung auszuschneiden und neu zu vernähen, „aus medizinischer Sicht? Weil dann wärs ja auch zu“ versuchte ich es.
„Sie schneiden da gar nicht mehr dran rum – jetzt reichts mir aber!“ kochte sie wieder hoch.
„Ich will Sie nicht verärgern“ beschwor ich sie. Fühlte mich wie so häufig verängstigt, traurig und fertig. In mir selbst überfordert.
„Ich würde meine Seele verkaufen, wenn diese Verletzung zu wär!“
Sie nähte meinen Arm und ständig rissen die Fäden aus. Ich hatte das Gefühl, ihre Anspannung körperlich zu spüren und somit stieg auch mein Stresslevel immer höher.
Als ich endlich draußen war, fühlte ich mich zittrig und panisch.
Weinerlich.
„Es ist vorbei“ versuche ich dieses innere Kind zu beruhigen, doch es klappt nicht.
Möchte schlafen, doch es klappt nicht.
Blutverlust erschöpft. Nach einer Verletzung schlafe ich gut und angstfrei.
Ein Grund mehr, die Korrektur/Verschönerung mal wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Den hb blende ich mal lieber aus.
Ich bekomme Schiss, weil ich dabei viel Blut verliere, aber ich kann nicht aufhören!
Bin noch nicht fertig.
Also rufe ich beim Notruf an und lehne meine Zimmertür an, falls ich umkippe. Ich kippe nicht um – schaffe es sogar die Treppe runter.
Zwei Sanis stehen vor der Tür.
„Tut mir leid, dass ich angerufen hab. Es hat nur so geblutet, und ich hatte Angst, dass ich umkippe“ meine ich. Ich halte mich total geschwächt am Türrahmen fest.
„Schaffen Sies noch zum Auto?“
„Ja“
Dem anderen Sani ist die Sache zu heiß, er holt für die 5 Meter den Rollstuhl. Ohnmächtig werde ich nicht, jedoch trübe ich immer wieder so stark ein, dass ich keine Kraft habe, zu kommunizieren.
Kurz vorm Krankenhaus lichtet es sich wieder und ich gebe meine Personalien etc. an.
Dann überrollt mich wieder die Erschöpfung und Übelkeit. Diesmal körperliche.
Ich werde verödet und bekomme es gar nicht so richtig mit. Ich sage das mit dem hb und der Arzt meint zur Schwester, sie soll bei mir Blut abnehmen.
Mein Zustand verbessert sich wieder und der Arzt sagt zur Schwester, Blut abnehmen sei doch nicht nötig. Das sehe ich anders, aber es ist mir egal. Schließlich wird es wieder schlechter und ich hänge am Tropf.
„Ihr hb ist bei 6,9“ informiert mich der Doc, als es wieder besser wird.
„Mist!“
„Und ich würd Sie gern über Nacht dabehalten“
Das hab ich schon kommen sehen. Obwohl der Heimweg geschätzt 400 Meter umfasst, hätte ich dies nie geschafft! Ich komme auf die normale chirurgische Station.
Aus „über Nacht“ werden 2 Tage in denen rein gar nichs passiert. Ich bekomme nichtmal Eiseninfusionen.
Es wird überlegt, mir Blut zu transfundieren, aber dann doch nicht.
Am Morgen des zweiten Tages gehe ich dann.
Bin nicht gerne im Krankenhaus!
Meine Anspannung steigt sowieso seit einem Tag wieder kontinuierlich deswegen, also nichts wie raus!
Schule!
Ich will in die Schule!
Aber mir ist übel ohne Ende.
Wenn Du Tabletten nimmst geht die Übelkeit weg und Du kannst in die Schule.
Dieser Gedanke scheint eine säuselnde Stimme zu haben, beruhigend, vertrauen erweckend.
Als würde mich jemand an die Hand nehmen und sagen „Komm mit, ich helf Dir. Ich pass auf Dich auf und hab Dich lieb“
Ich falle immer wieder auf sie herein.
Diesmal lande ich nach 2 Tagen erinnerungslosem Krankenhaus doch noch in der Psychiatrie. Trotz Magensonde mit Kohle ging es 2 Tage, bis ich wieder klar war. Nun bekomme ich doch eine Eiseninfusion und komme im Anschluss in die psychiatrische Ambulanz.
Ich schalte mein Handy ein. Ein Anrufversuch.
Aus dem Krankenhaus, in dem ich so oft war.
Ich rufe zurück. Es ist die Ärztin, die so unhgehalten war, als sie mich versorgte.
Sie habe sich über die Krankheit informiert und ich solle mich doch mal in der psychiatrischen Ambulanz melden, die kennen sich damit aus. Und wenn ich Hilfe bräuchte bei der Therapeutensuche solle ich sie anrufen.
Ich war sprachlos vor Rührung.
Das hätte ich nie erwartet! Voller Dankbarkeit meinerseits beendeten wir nach 8 Minuten das Gespräch.
Dann ging es wieder stationär.
Ziemlich unangenehm, so als Drehtür Patient.

Ich blieb 11 Tage auf der offenen Station. Die letzte Tablettenvergiftung war dort Ende Januar.
Mal wieder wurde die Übelkeit unerträglich und ich wollte an die frische Luft.
Die Tür war zu und ich sollte warten, da ich Oberarztgespräch hatte.
Ich konnte aber nicht warten und fragte, ob nicht jemand mit mir tauschen könne.
Nein, behaupteten die und ich wurde komplett hysterisch. „Ganz ruhig“ sagten die und ich schrie „Ja klar – Ihnen ist ja auch nicht schlecht!“
Ich hatte das bekannte Gefühl, mich körperlich aufzulösen.
Bad. Dusche.
Ich hielt meinen Kopf so lange unter das kalte Wasser, bis ich Kopfschmerzen bekam.
Dann war es besser.
Ich setzte mich in mein Bett und fühlte mich wie eine ängstliche 4jährige.
Die Pfleger und der Oberarzt merkten das natürlich und gingen dann wieder. Ich rollte mich zusammen und schlief ein.

3 Tage später intoxikierte ich mich.
Filmriss.
Als ich meinte, denken zu können, wollte ich unbedingt etwas intelligentes sagen um klar zu machen, dass ich okay war. Zwei Pfleger standen in der Tür und ich sagte mit voller Überzeugung: In 2 Tagen ist Nikolaus!
Nee, sagten die, wir haben schon Januar.
Mist!
Sie hatten die mittlerweile schon 6 Wochen alte Verletzung gesehen und holten einen Chirurgen dazu.
„Echte scheiß Krankheit, die Sie da haben!“ stellte er fest.
Oh mann, wie sehr das zutraf.
„Ja, das find ich auch“ ich lachte ein bisschen.

Zurück auf Station ging es auf die Geschlossene. Mein Horrorort – und da ich kein Zimmer hatte, war ich dem Wahnsinn hautnah ausgeliefert. Der Oberarzt sollte entscheiden, wo ich hin kam.
Zwei Stunden wartete ich. Es war ein AvD, der kam.
Der wollte mich auf der Geschlossenen.
Ich versuchte es erst ruhig und wurde dann sarkastisch. Es ist ein furchtbares Gefühl, jemandem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu
sein!
Willkommen in der Psychiatrie!
Glück hatte ich dann doch noch – der Oberarzt kam etwas später und gab grünes Licht.

Dennoch – ich hatte die Nase mal wieder endgültig gestrichen voll!
Ich hatte es satt, mir selbst derartig ausgeliefert zu sein, ich hatte keine Lust mehr, ständig in Todesangst zu leben. Ich hatte kein Interesse daran, nach 3 Jahren ohne Suizidversuch wieder dort zu landen – denn so, wie das Jahr begonnen hatte, würde es innerhalb kürzester Zeit subjektiv nur noch diese Lösung all meiner Probleme geben.
Ich entließ mich mit einem anderen im selben Alter.
Er sagte „Ich hab keine Lust mehr auf Psychiatrie, ich bin nicht mehr suizidal und ich will mein Leben endlich wieder selbst in die Hand nehmen“
Wow, dachte ich. Meine Worte!

Februar intoxikationsfrei, nahm ich mir vor!
Das klappte.
März verletzungsfrei, nahm ich mir vor.
Das hielt ich 21 Tage durch. Einen Tag später rief ich in einer Klinik an, um mich für das DBT Programm anzumelden.
Es war mein 2. stationärer Aufenthalt mit DBT. Jedoch in einer anderen Klinik als die vorherige – lediglich, weil die in dieser Zeit kaum Wartezeiten hatten.