Flashbacks

6. Februar 2015

flashbacks sind stärker zur Zeit.
Auslöser sind minimal..

Ich bin 12 und schaue bei Schloss Einstein, wie Twicky sich ritzt. Ich tue es ihr nach, bin fasziniert von dieser körperlichen Erfahrung. Bleibe dabei.
Ich bin 12 und sitze im T-Shirt in Sport neben der Lehrerin. Mein Kopf ist vernebelt vor Schmerzen, weil ich mir beim Sturz das Handgelenk gebrochen habe.
„Was ist das?“ fragt die Lehrerin, die ich fürchten und lieben werde.

Ich bin 15 und mache mein Schulpraktikum in der Buchhandlung. In der Mittagspause verletze ich mich daheim und gehe dann wieder zurück.
Ich trage einen Pulli, in dem man ohne Anstrengung sofort schwitzt und dessen Nähte extrem schief stehen.

Ich bin 18, in der Erzieherlehre. Die Kinder sind noch nicht da und mein Pullover wird blutig, der Schorf muss sich gelöst haben.
Ich wasche es unter fließendem Wasser aus und bleibe die erste Stunde mit nassem Ärmel.

Ich bin 18 und habe mich mit Luisa intoxikiert. Mein Mund ist trocken. Ich halluziniere und unterhalte mich nonstop mit Menschen, die es nicht gibt.
Ich kann es nicht unterscheiden. Wir sehen uns im Kino Wickie an und ich muss ständig aufs Klo. Es sind hundert Stufen, jedes Mal und ich rede mit Luisa, die nichts sagt. Sie stützt mich, weil das Zentrale Nervensystem durch die Medikamente so beeinträchtigt wird, dass ich schlecht laufen kann.
Auf der Treppe sage ich einem Mann, der am Geländer steht „Es tut mir leid, ich brauche das Geländer“
Luisa begleitet mich ins Wohnheim. Ich mache mir sorgen, meine Halluzinationen könnten auffallen, wenn ich Leuten antworte, die nichts gesagt haben. So vereinbaren wir, dass nur sie redet, wenn ich angesprochen werde.

Ich liege im Rettungswagen, eine Verletzung ist nach 3 Monaten fast zu. Der Assistent sagt etwas darüber und die Assistentin sagt „Jaja, Borderliner“
Ihre Stimme wird mir monatelang nicht aus dem Ohr gehen und sie beschämt mich.
Ich bekomme einen Krampfanfall.

Ich bin 24 und sitze in der Schule. ETA Hoffmann schrieb meistens Nachts, wenn er getrunken hatte.
Alkohol.
Ich bin 18 und liege intoxikiert in meinem Zimmer im Wohnheim. Das Licht ist warm, die Schneeman Lampe brennt, die so sehr Symbol für die Vergiftungen, die Halluzinationen und das Elend wird, dass ich sie seither nicht mehr sehen möchte.
Ich bin 24 und habe größte Mühe, „da“ zu bleiben. Ich fühle mich verwirrt und ängstlich, schreckhaft. „Hier stimmt was nicht!“ warnt der Kopf, oder das Gefühl?
Ich bin 18.24,18.
Es ist vorbei, Stella, doch das Gefühl.. Es betrügt mich?

Ich spüre meinen Körper nicht, fahre zum Bahnhof. Der kalte Wind schmerzt und auch nicht.
Ich stehe am Bahnhof, der Zug hat Verspätung. Ich stehe im Wind, alle anderen sind in der warmen Halle.
Ich ziehe meine Jacke aus. Mein ehemaliger Lehrer kommt. Ob ich Hilfe brauche.
Ich habe das manchmal.
Ein Betrunkener stürzt. Nichts wirkt so schnell und effektiv wie das Gefühl, etwas tun zu können. Ich gehe zu ihm, kümmere mich.
Polizisten, die eh rumstehen sagen, der Rettungsdienst wollte ihn nicht mitnehmen.
Ich sage, es ist zu kalt und zu gefährlich, als dass man ihn liegen lassen könnte.
Es kann nicht sein, dass er erst ins Auto laufen muss. Sie nehmen ihn mit.

Ich bin Stella, 24. Ohne Schneemann Lampe. Und verwirrt.

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-.-

9. Juli 2014

Ich krieg einfach nur die Krise. Ich hasse grad einfach alles.
Und ich kann nicht mehr.
Das ist wohl die wichtigste Sache: Leute, ich kann nicht mehr.
Ich fühle mich in der Schule ausgebrannt, es ist endlich alles vorbei und es geht einfach nichts mehr.
Gar nichts mehr.
Ich bin mit den letzten Nerven in die Schule gegangen, dann sagt die Tussi, wir machen Notenbesprechung und gehen wieder.
WARUM BIN ICH DANN ÜBERHAUPT GEKOMMEN??? :motz: :motz: :motz:
10 Punkte ist das schlechteste im Zeugnis, passt also.
Fühle mich von Papa gestresst. Das Wetter ist mies und ich bin den ganzen Tag im Bett.
Na und?
Das Citalopram wirkt nicht und ich habe die Nase gestrichen voll.
Ich will die Pille. Vllt ändert sich das ja dann mal endlich.
Ich hab keine lust mehr, ständig zu dissoziieren und über Tage sv Druck zu haben.
Es gibt nämlich keine Ärzte, die sich hin und wieder ritzen und es einfach hingenommen wird.
Also steht die Krankheit gegen das Leben.
Das Leben im Traumberuf, mit Partnerin und Kindern.
Und trotzdem rutsche ich da permanent rein.
So macht es keinen Spaß mehr.


dissoziation stumpfe gefühle

7. November 2013

war der Suchbegriff heute.
Wie passend *seufz*

Seit Montag ist alles scheiße und ich bin sowas von am Abstürzen…
Gestern bin ich aus dem Auto der Mitschülerin ausgestiegen und war so drei Meter weg, da hat es total gekracht und ich glaub, sie ist in das vordere Auto gedonnert.
Meint ihr, ich hätte das irgendwie geschnallt?
Nein, eine andere fragt mich heut in der Schule, ob ich das mitbekommen hab und ich hab ganz dumpfe Erinnerungen.
Getraut zu fragen, habe ich mich dann auch nicht mehr :traenchen:

Ich hab 30 Minuten mit Papa telefoniert, dann gings wieder. Sprich ich konnte versichern, mir nichts anzutun.
Die Not ist auch besser, aber verzweifelt bin ich noch mega.
Im Februar fand ich die Abendschule so toll, weil ich mich nur abends sv und jetzt sitze ich mit leerem Kopf im Unterricht und mache gar nichts.
Das macht alles nur noch schlimmer. Ichdenke nonstop: Daheim mach ich dies das jenes und das ist krass anstrengend!

Verzweiflung ist irgendwie viel schlimmer als Wut, Hass, Trauer und Leere zusammen. Ist wohl ähnlich wie Ertrinken.
Ich kack abends einfach so ab, schon im Unterricht. Nur zum in die Tonne kloppen.
Ich hab sogar überlegt, mich einweisen zu lassen. Aber ab morgen ist Papa zum Glück für 3 Wochen da.
Außerdem hält er das für die allerschlechteste Idee, weil er dieser Oberärztin nicht traut. Ist was dran, aus seiner Sicht. Ich kenn ja nur das Entkommen, er halt nicht.

Meine Idee war eher, 3 Tage Krisenintervention in dem Mistschuppen und dann gehts von alleine wieder gut, weil ich da raus bin ^^
Das hat früher gut geklappt ^^
Andrerseits ist da halt die Frage, ob die mich nach 3 Tagen wieder laufen lässt und die Ex Kameradin Marina könnte ich treffen und das muss nicht unbedingt sein, die hat mich eh gehasst ^^

Ich bin seit Jahren im Winter immer übelst abgestürzt und diese ganzen miesen Symptome sind voll da.
Ich spüre mich nicht (laufe ohne Jacke und schlage mich – nicht gut) fühle mich stumpf, wie Holzprügel statt Armen – höchstens für schöne Schnitzereien zu gebrauchen.
Nebel im Kopf, hmm uvm.

Jetzt höre ich Hänsel und Gretel, göttliche Musik :niederknie:


Meine Seelen

8. Oktober 2013

Meine Güte – diese Achterbahnfahrt ist krass!
Mal wieder.
Seit dem Mittag schwebe ich mal wieder auf einer rosa Glückswolke, joa.
Haben Englisch geschrieben. War lustig :uglylaugh:
Obwohl die Tante mir derart auf den Senkel geht :rolleyes: :rolleyes: :rolleyes: :rolleyes: :rolleyes:
Verena ist ja super in Sprachen und wir sollten ein Blatt ausfüllen, Grammaaaaaaaaar. Wir waren schnell fertig und ich habs sie lesen lassen, obs richtig ist – Madame kommt auf mich zugeschossen und hält mir einen Vortrag, dass ich Verena nicht abschreiben lassen soll, weil Verena dann nichts lernt.
Ich meinte, wir wären beide fertig und vergleichen nur.
Ja trotzdem, Verena lernt nichts durchs abschreiben.
Ich Wir sind BEIDE FERTIG, außerdem ist Verena diejenige die es kann.
Aaaaaaaaach sooooooooo
:rolleyes: :meise:
Dann sollten wir eigentlich von 6 bis halb 8 schreiben, in einem großen Raum. Ich wusste aber, dass der die ersten 3 Stunden belegt ist und habs ihr auch gesagt, sie sagt, sie wartet, dann schreiben wir halt von halb 8 bis 9 im Raum.
Ich „DER IST BIS VIERTEL NACH 8 BELEGT!!!“
Was macht sie?
Sie macht 2 Stunden Unterricht mit uns und stellt dann – Oh Wunder – fest, dass ihr Superplan nicht hinhaut weil „die ja immer noch nicht fertig sind“
:rolleyes: :meise:
Ende: Wir schreiben 2 Stunden im Klassenzimmer und ich verpass den Zug.

Dann sollten wir 100 Wörter zum Thema schreiben, warum Gott den Leuten, die den Turm von Babel bauen wollten, die Kommunikation versaut hat.
Ich, als komplett christlich Gebildete, kannte die Story natürlich (wenn nicht wärste ja auch wieder gearscht) und hab da etwa 50 Wörter zu Papier gebracht über Gott, der von der Distanzlosigkeit angepisst war und kein Bock auf Menschen im Himmel hatte.
Toll, fehlten 50.
Ich bin komplett in die Gotteslästerung verfallen und meinte, ich wüsste jetzt endlich, warum keiner Gott beschreiben und malen darf – Gott ist nämlich eine Frau, und hat Komplexe wegen ihren Falten.
Darum hatte sie auch kein Bock darauf, dass die Babiloner sie sehen.
110 Wörter. Amen.
Und wenn die Alte so christlich ist, wie ich vermute, bin ich spätestens jetzt komplett unten durch bei ihr.
In dem Sinne – Amen :rel: :angel:

Sonst ist mein Göttervater wieder da :head:
Er: „Stella, ich hab ja jetzt 3 Wochen Urlaub, das heißt ich werd jetzt hier faullenzen und du musst alles machen“
:uglylaugh: :uglylaugh: :uglylaugh: :uglylaugh: :uglylaugh: :uglylaugh:

Dann hatte ich heute Morgen Thera, und ich liebe sie :)
Ich hab ihr von meinem katastrophalen WE erzählt. Und sie hat mich sooo gelobt, dass ich nichts gemacht habe, das tat so gut :herz:

Am Freitag ist Papa ja gegangen und ich stand den ganzen Tag neben mir und bin ihm so abartig auf die Nerven gegangen.
Weil ich so voller Not war, mich nicht gespürt habe, einfach null Kontrolle über mich.
Als dann der Gedanke aufkam „Du darfst nicht gehen, sonst bring ich mich um“ passierte ein switch.
Der lässt sich so übertragen: Ich dachte, Stella jetzt reichts! Hab diesem Anteil eins aufs Maul gegeben, gefesselt, geknebelt und eingesperrt, und mich dann ruhig und sachlich, angemessen verabschiedet.
Dann kam die zu erwartende Explosion.
Früher habe ich diese Anteile auch immer mit brachialer Gewalt unterdrückt, das konnte man sehen, die Schnitte, aber heute fand es innerlich statt und es zerreißt mehr, als die äußere Gewaltanwendung.
Es ist schmerzhafter.. Wohl auch, weil dieser Gewaltschmerz gefehlt hat, das hat die innere Explosion noch gefördert.
Ich saß hier und hab gezittert und Panik gehabt. Telefoniert (LASS mich doch schneiden! BITTE, nur HEUTE – sie hat gelacht und ich auch)
Dann saß ich vor der Glotze und sah vor mir, wie ich meinen Körper verletze.
Ich dachte „Ich tu es“ Mehr nicht.
Ich konnte nicht denken, nur dieser stumpfe Tunnelblick.
Ich ging ins Bett, stellte den Wecker auf 6.
Wurde geweckt und dachte „Ich bleib im Bett, ich schreib Geschichte nicht, ist mir egal, ich lass mir ein Attest geben“
Dachte „Ich bleib im Bett, schwänze die ersten 2 Stunden, geh zur Arbeit und dann schwänz ich die letzten 2 Stunden.“
Ich ging in die ersten 2 Stunden. Stand am Bahnhof und dachte „Als ich ich das letzte Mal so schlimm gefühlt habe, war ich 17 und hatte meinen letzten Suizidversuch.
Ich schrieb die Arbeit. Versuchte es jedenfalls und schrieb nebenher einen Brief.
Ich dachte, jetzt geh ich heim. Nein, ich intoxikier mich. Nein, ich sollte in die Akutklinik.
Der alte Kampf: Der Anspruch, nicht ohne eine Verletzung Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Verena gab mir die Telefonnummer und ich rief hier in der Klinik an. Ich solle vorbei kommen.
Switch
„Stella, du bist eine verdammt beschissene dumme Scheißschlampe – was zur Hölle geht bei dir schon wieder ab, haste den Arsch offen!?“ + [einige Details unter der Gürtellinie]
Ich dissoziierte nicht mehr und verachtete mich nur noch. Trotzdem fühlte ich mich dafür nicht mehr hilflos, ohnmächtig und ausgeliefert, also eher positiv – dafür war die Spannung unter der Decke.
Die Schule war aus und ich lief zu Zug.
An drei Apotheken vorbei.
„Stella, geh in die Apotheke“
Ich ging vorbei.
Drei Mal und immer wurde ich wütender, bzw. der Teil der wollte, dass ich mich jetzt endlich vergifte und halbtot ins Krankenhaus käme.
Nichts sehen, nichts hören, nichts denken – ich schob einen monstermäßigen Essanfall, voller Hass und Wut.
Dann war ich hier. Um 15 Uhr und schlief bis 21 Uhr.
Telefonierte bis 22 Uhr mit Papa, der sich sorgte und schlief bis Sonntag 13 Uhr.
Es war besser.
Ich verbrachte den Tag im Bett und laß und schlief.
Heute ist es wieder gut.

Ich sagte der Thera, schon mit 18 habe eine Thera zur Aufnahme geschrieben „Wen ihr Vater sie verlasse, fühle sie sich, als würde er sterben“ und heute hat sich kaum etwas geändert.
Wenn er geht ist es so, als wüsste ich, dass er hingerichtet wird – sooo extrem schlimm ist das für mich.
Bin da wohl irgendwo in der Kindergartenzeit hängen geblieben. Wobei ich im Kindergarten nie Probleme hatte, abgegeben zu werden, diese Panik und Verlustangst kam erst später und seit dem häng ich da drin.
Bei meiner Mutter genauso…
unlustig.

Die Thera will mich bis zum Abi behalten und möglichst noch das erste Studienjahr :head: :head: :head:
Wer weiß, wo ich lande, aber es gibt mir viel, zu wissen: Diese Frau bleibt die nächsten 3 Jahre meine feste Konstante :)


kompetent

9. August 2013

„Wie geht es Ihnen, wenn Sie diese Erlebnisse erzählen?“
Ich überlege, fühle in mich hinein. „Schlecht. Ich merke, wie die Tränen kommen, aber sie nicht so raus lassen möchte.
Dass ich überlege, wie ich diese Gefühle runter fahre… Ich verzögert bin..“

„Auch ich erlebe Sie so. Ich bin unsicher, ob unser Weg in Richtung Aufarbeitung geht, wenn diese Erzählungen schon so aufwühlend sind.
Sie atmen sehr schwer, sprechen stockend – gleichzeitig sind Sie symptomatisch so stabil und ich möchte Ihre Schule durch die Arbeit nicht gefährden“
Was sie sagt dringt sehr langsam zu mir durch, wie durch Watte.
„Nein“ sage ich langsam. „Soweit schaffe ich das. Es wird nicht leichter mit der Zeit.
Ich habe auch schon mit einer Sozialarbeiterin darüber gesprochen, aber ich fange mich wieder.
Sie können mich nach einer schweren Stunde auch unbesorgt gehen lassen, ich reguliere mich.

Sie nickt.


sfz

17. Mai 2013

Hatte n Rückfall :traenchen:
Gestern. Wegen der Mathearbeit. Intox, Intensivstation, Psychiatrie.
Gott sei Dank konnte Papa mich dort loseisen…
Werde vermutlich morgen nachschreiben.

Blöd einfach. Es ging wieder die ganze scheiß Maschinerie los.
Jetzt fühle ich mich etwas leer.
Ich bin noch zur ARGE gefahren und hab endlich den Bescheid bekommen. Also ist das Problem mit der Krankenkasse nun endlich auch geklärt.
Aber ich war die ganze Zeit dissoziiert und dann hats einfach ausgesetzt. Ich dachte ständig „Du bist dumm und scheiße, du kannst kein Bruchrechnen“ obwohl das gar nicht stimmt.
Die in der Psych war auch krass drauf, mein Dad hat sie schon etwas gegen die Wand geredet und sie zu ihm „Ihr Verhalten ist pathologisch“ weil er den Rückfall kein Drama fand.
Gab ja schon weitaus schlimmeres. Klar – schlimm, dass es passiert ist, aber nicht mutlos.
Er hat ihr für ihren professionellen Blick gratuliert, ihm innerhalb von 10 Minuten ein pathologisches Verhalten zu diagnostizieren. Die hätte uns wohl am liebsten beide einkassiert…
Ohne ihn wäre ich vllt nicht heim gelassen worden. Ich hab mich wieder so ausgeliefert gefühlt..
Ist aber denk ich, nur positiv, ich HASSE diese verdammte Dreckskrankheit…
Ich WILL den Absprung schaffen.

Denke dieser scheiß Rattenschwanz ist nicht mal allzuschlecht, so, fürs Suchtgedächtnis.

Trotzdem ist grad wieder alles mies.


Winter 2011/12

23. April 2013

In den Tagen um Neujahr 2012 erreichte ich Kerstin. Ich rief sie an, und sie nahm ab, was eine echte Seltenheit ist!
Im Winter 2010/2011 waren wir zusammen auf einer DBT Station.
Obwohl sie doppelt so alt ist wie ich, standen wir uns immer relativ nahe, auch wenn wir nicht so viel redeten.
Doch uns betrafen ähnliche Themen.
Tabletten.
Kerstin ist leidenschaftliche Hauptschullehrerin. „Ich bin halt streng“, sagt sie und das kann ich mir absolut vorstellen. Dabei habe ich sie zugleich als warm, sensibel und einfühlsam wahrgenommen.
Sprich – genau das, was Pubertierende brauchen.
Grenzen.
Was ihr immmer zugesetzt hat, war die Aussicht, berentet zu werden, wenn sie zu oft ausfällt.

Spontan fragte ich sie, was sie am 2. vorhätte.
An diesem Tag würden mein Vater und ich abreisen, ich hatte einen Termin in der Stadt und er musste wieder arbeiten.
Im Ausland, wo er um die 5 Stunden Fahrtweg hat.
Unterwegs wollte ich bei Kerstin aussteigen und übernachten. Ich vermisste sie, wollte sie mal wieder sehen, nachdem wir ein knappes Jahr lang nur sporadischen – dann jedoch intensiven – Briefkontakt hatten.

Es klappte.
Irgendwie kamen wir doch wieder zum Thema Tabletten. Ich erzählte, dass ich seit 18 Monaten nicht mehr intoxikiert war, was sie bewunderte.
Und doch – wir waren beide nicht ganz destruktiv, aber leider auch nicht ganz konstruktiv.
Sie erzählte mir, dass sie Tabletten hätte, die bei Überdosierung Ohnmacht auslösen würden.
Ohne nachzudenken sagte ich „Ich wäre auch gerne mal ohnmächtig“
Sie sagte „Okay, ich geb Dir morgen welche mit“

Heiße Sache!
Und ich fühlte mich gespalten zwischen Experimentierfreude und der warnenden Stimme in meinem Kopf. „Erinner mich morgen dran“ sagte sie.
Ich nahm mir vor, es nicht zu tun.
50:50 Chance – und ich brauchte keine Entscheidung zu treffen.
Genau dieses Verhalten hassen Therapeuten, und richtig gefährlich wird es, wenn man dem Zufall überlässt, ob man stirbt oder nicht.
Ein mir sehr vertrautes Verhalten.
Tabletten schlucken und schauen, ob einen andere retten können. In meinem Fall konnten sie es immer, und mich auch noch vor Folgeschäden bewahren.
Dann soll es jetzt noch nicht sein, dachte ich, dann soll ich wohl noch am Leben bleiben.
Also vertrautes Terrain, die Verantwortung abzugeben.
Nur dass es diesmal nicht um mein Leben ging.

Kerstin vergaß es nicht. Mir war unwohl, doch der Kick schien zu verlockend. Die Kontrolle über den Kontrollverlust – ich konnte entscheiden, wann mein Körper ohnmächtig wurde.
Ein Machtgefühl, dass ich häufig suchte. Wahrscheinlich, um aus dem Gefühl der Ohnmacht und Wehrlosigkeit zu kommen, dass nach und nach verstärkt auftrat, seit dem Menschen meine Grenzen ignoriert und mit Füßen getreten hatten.
Es sollte nur ein Experiment sein! Ich nahm sie an. Eimalig! Nahm ich mir vor. Ich kam nicht an die Tabletten von Kerstin, also brauchte ich mir keine Sorgen über einen längeren Missbrauch machen.
Diese Beruhigungen glaubte ich mir.
Kerstin gab mir 20 und mahnte mich, vorsichtig zu sein.
Das schließt sich nicht aus, auch, wenn es so klingt.
Ich rang mit mir, als ich im Zug saß. Ich durfte es heute eigentlich nicht, ich musste am nächsten Morgen dringend einen Anruf tätigen und eventuell noch auf ein Amt gehen.
Wie so oft aß ich auf der Heimfahrt irgendwas, um besser nachdenken zu können. Ich esse oft so lange, bis ich zu einem Ergebnis gekommen bin.
Ich esse, wenn ich nicht mehr weiter weiss, rastlos und ratlos bin. Ich musste umsteigen und durch eine Unterführung.
Treppen.
Seit Jahren habe ich damit, immer wieder schwächer und stärker, meine Probleme. Ich habe Panik davor, eine Stufe zu verpassen und zu fallen.
Das schreckliche ist der Schreck!
Ich habe dann das Gefühl, mich bis ins Mark zu erschrecken, so, dass ich mich fühle, als würde ich gleich losheulen. Weil ich das schlecht bringen kann, werd ich wütend, die berühmte Anspannung zwischen 70-100.
Hochstressbereich.
Ich konzentrierte mich auf die Füße eines Kindes, das vor mir lief. Und schaffte es dann doch, eine Stufe zu übersehen. Ich knallte auf das kleine Mädchen und begrub es unter mir. Ich heulte, das Mädchen nicht.
Ich heulte bloß, weil ich mich erschrocken hatte, weh tat mir nichts.
Die Mitreisenden waren total fürsorglich und ich lachte und lächelte ganz schnell wieder, weil es in dem Alter seltsam ist, zu heulen, wie ein Kind.
Und dann lachte und heulte ich gleichzeitig.

Als ich im Zimmer ankam las ich erstmal die Packungsbeilage und schluckte dann 2 Tabletten, obwohl ich Angst hatte. Kerstin hatte auch 2 geschluckt um ohnmächtig zu werden.
Ich kannte das Medikament ja nicht. Ich fuhr Straßenbahn.
Das hatte ich schon früher so gemacht:Wenn ich noch nicht ins Krankenhaus wollte, um keine Kohle zu bekommen, aber Angst hatte, dass es mal schnell gehen könnte.
Das ist nie passiert.
Ich war immer selbst in der Lage, entweder ins Krankenhaus zu gehen oder beim Notruf anzurufen.
Kontrolle über den Kontrollverlust ist typisch für mich.
Ich wollte nicht unter dem Schlagwort „Tablettenintoxikation“ aufgenommen werden und überlegte, dass ich den Sturz ja nutzen könnte.
Gelogen war das nicht – ich war tatsächlich mit dem Kopf aufgeschlagen, mit anschließenden Kopfschmerzen. Ich ging in den Jugentreff, schon mit etwas wackligen Beinen.
Früher hatte ich auch immer wacklige Beine, da lernte ich aus der Erfahrung, was gut gegen Kreislaufprobleme hilft.
Gegen die Empfehlung sah ich immer auf den Boden und spannte den Bauch an.
Das half mir jetzt.
Ich erzählte einem anderen von dem Sturz, der Krankenpfleger werden wollte.
Für den Fall, dass es schnell ging, würde er erklären können, was los war.
Zu meiner Enttäuschung wurde die Wirkung wieder schwächer.
Ich schrieb Kerstin und sie empfahl mir, noch 3 zu nehmen. Dieses Medikament ist sehr stark und man nimmt als Patient eigentlich nur eine halbe Tablette beim ersten Mal. Und selbst da sollte man sich laut Packungsbeilage hinlegen.
Ich war nicht Erkrankt und mir passierte nichts, obwohl ich es das erste Mal nahm und so überdosierte.
Frust machte sich breit. 10fache Überdosierung. Und Wut auf diesen Körper, der nicht berechenbar bar, tat, was er wollte. Nicht das tat, was ich wollte, wie früher schon so häufig.
Es musste doch etwas passieren!!!
Schließlich spürte ich die Wirkung doch stark und ging in die Notaufnahme, wo ich meine Treppenstory erzählte.
Ich fror und dennoch war mein Blutdruck eher erhöht, als zu niedrig.
Paradoxe Wirkung?
Ich fand es spannend, zu spüren, wie die Wirkung einsetzte und mein Körper reagierte. Laufen konnte ich nur noch, wenn ich mich festhalten konnte.
Doch im Gegensatz zu den früheren Tabletten, die ich missbraucht hatte, blieb mein Kopf klar.
Und ich fand es blöd, auf dem Monitor zu sehen, wie sich meine – mittlerweile doch gesunkenen – Werte normalisierten.
Keine Ohnmacht.
Ich wünschte mir die kontrollierte Ohnmacht, ich wollte nicht, dass mir etwas passiert!
Ich wollte bloß wissen, wie es sich anfühlt. Dann musste ich zur Toilette und der Kreislauf war in Ordnung, bis ich zu Toilette kam. Als ich aber wieder aufstand, gaben meine Beine doch nach.
Sonst war alles okay.
Nicht gerade das, was ich mir erhofft habe.
Die Nachtschwester rief bei einem Arzt an, weil die Patientin neben mir mit dem Blutzucker ständig abrauschte und nicht konstant ansprechbar war.
Mir fiel Silvi ein, die sich mal Insulin besorgt hatte, um sich das Leben zu nehmen.
Am nächsten morgen erzählte die Patientin, sie habe sich absichtlich zu viel Insulin gespritzt.
Mich hat das total fertig gemacht. Was genau kann ich nicht sagen. Die Traurigkeit in ihrer Stimme. „Ich will nicht in die Psychiatrie“ sagte sie.
„Na, jetzt kommen Sie erstmal mit zu uns“ sagte die Schwester der Intensivstation. Ich kam auf die normale Chirurgische Station.
24 Stunden wollten sie abwarten, bis ich gehen durfte.
24 Stunden nach dem Sturz und ich war schon morgens genervt und verschob die Uhrzeit mal eben von 16 auf 14 Uhr, wo ich dann auch gehen durfte.
Nun war ich erst recht mies gelaunt. Die Wut, der Frust, dass mein Verhalten nicht die erwünschte Konsequenz nach sich zog.
Ich wusste, dass ich in die Psychiatrie käme, würde ich noch einmal kommen.
Und ich ahnte, dass die Mitarbeiter durchschauen würden, dass auch am Vortag Tabletten mit im Spiel waren.
Ich hasse die Psychiatrie! Als ich mit 18 Jahren dort anfing, Dreh-Tür-Patient zu werden, wurde mit mir ein Vertrag aufgesetzt, wonach ich immer 3 Tage bleiben muss, wenn ich wegen einer Tablettenvergiftung aufgenommen wurde.
Doch der Drang war zu groß als jede Vernunft. 15 Tabletten hatte ich noch und in einer eh-egal Haltung heraus schluckte ich diese 6 Stunden nach meiner Entlassung.
Mich belastete das Erlebnis mit der Frau und dem Insulin immernoch, die Sache hing mir verdammt nach und ich wollte auch, dass mal wieder richtig was passierte!
Wie weit ich es mit meinem Körper treiben konnte. Ich wollte die Grenze überschreiten.
Mein Körper – mein Experimentier-Testhäschen. Um zu sspüren, dass ich die Kontrolle über meinen Körper habe.
Hinterher fühle ich Triumph und Genugtuung, aber auch die große Erleichterung, wenn die Sache wieder einmal gut ausgegangen ist.
Ich überlebt habe und keine dauerhaften Schäden habe.
Dieses Gefühl ist überwältigend gut. Dann fühle ich mich stark, unbesiegbar.
Besiegen will mich keiner, aber der Sieg über den eigenen Körper. Natürlich kann man bei solchen Aktionen grundsätzlich nur verlieren, nur leider fühlt es sich anders an.

Ich ging also wieder in die Notaufnahme und sagte das mit den Tabletten.
Die übliche Maschinerie begann – Blut abnehmen, Blutdruck messen, Monitor und Zugang. Zusätzlich Kohle.
Intensivstation.
Das wunderte mich, ich war klar im Kopf und fühlte mich nun auch nicht hundsmiserabel. Doch in diesem Krankenhaus kommt man schnell auf die Intensiv. Anders als in dem Stammkrankenhaus von damals. Da waren Luisa und ich oft in viel schlechterem Zustand, auf die Intensiv kamen wir deswegen aber nie.
„Vorsichtshalber. Falls was passiert um schnell reagieren zu können“ hieß es.
Der Oberarzt kam. Was wir redeten, weiss ich nicht mehr. Ich spürte, das mit der Infusion etwas nicht stimmte. Ich hatte es einmal erlebt, dass mir die Infusionsflüssigkeit ins Gewebe der Hand gelaufen ist, so fühlte es sich an. Meine Venen waren wohl nicht die Besten, die Schwester gab es direkt an den Oberarzt weiter.
In der Infusion war etwas enthalten, was wie ergänzend zur Kohle haben muss. Um 2 Uhr bekam ich nochmal Kohle zu trinken, sonst schlief ich.
In der Visite sagte ich nochmal, was passiert war, dann durfte ich heim, weil ich auch sagte, ich sei wieder gut drauf. „Das glaub ich Ihnen sogar“ sagte die Ärztin spontan.
Ich musste dann noch zu meinem Psychiater, der abklären sollte, ob ich heim durfte und ich durfte.
Der kannte das ja schon von früher und ich sagte ihm, dass es einmalig gewesen war.

Wie lang das anhielt, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls kam es nach einer großen Krise wieder zu Intoxikationen. Ich nahm dann auch wieder die „Alten“ Tabletten.
Weil ich sie kannte und die Wirkung auf meinen Körper.
Vertrautes, bewährtes.
Wenn die Tabletten aus meinem Körper abgebaut waren, war auch die Anspannung weg. Kein rotieren um mich selbst und die immer selben Probleme.
Frieden in mir.

Wieder Ambulanz mit einer Mischintox.
Im Wartezimmer war unheimlich viel los und ich wurde nervös. Die Tabletten wirkten bereits und ich spürte schon ziemlich die Wirkung.
Mundtrockenheit und Gangunsicherheit.
Ich klingelte und sagte, ich müsse noch etwas sagen.
Eine Schwester, die ich ziemlich idealisierte, hatte Dienst. „Sie wollten was sagen?“ fragte sie und ging mit mir rein. „Ja, ich hab Tabletten genommen. Es tut mir Leid, dass ich schon wieder hier bin“ sagte ich verzweifelt.
„Mir tut es leid für Sie!“ entgegnete sie und telefonierte.
Mit dem Giftnotrruf denke ich.
„Ja, sie ist bei uns bekannt – sie ist n Borderliner“
Das macht mir immer ein komisches Gefühl, und das sind dann auch die Leute, die ich idealisiere.
Gradlinig und klar.
„Mir war nur übel“ sagte ich.
Darum die Überdosierung.
Blut abnehmen, Blutdruck messen,
Monitor und Zugang. Kohle nicht, dafür war es zu spät. Ich halluzinierte zimlich.
Durfte am nächsten Tag gehen. Mir war schon früher psychisch übel gewesen. Ich kenne Techniken, mit denen ich diese Zustände abschwächen kann, doch als ich einmal mit den Tabletten angefangen hatte, war es, als hätte die Technik nie funktioniert.
Ich litt unbeschreiblich und rannte davon, statt mir Hilfe zu holen.
Nach einer intox mit diesen Tabletten war mir oft 5 Tage lang nicht übel. 5 Tage sind LANG!
Mein hb sei zu tief, läge bei 8.
Sonst alles okay.

Hin und wieder verletzen, hin und wieder Krankenhaus.
Es ist so irreal. Habe das Gefühl zu träumen und das über Tage. In der Nacht bin ich so in innerer Alarmbereitschaft, dass ich kaum schlafe.
Schaffe es dann auch immer häufiger nicht ohne Tabletten oder verletzen. So kommt ein Krankenhausaufenthalt nach dem anderen, ohne dass ich realisiere, was abgeht.
Am Wochenende bin ich bei meiner Mutter. Ich fühle mich wie im falschen Film, der mir Panik macht.
Sage meiner Mutter, dass ich wohl in die Psychiatrie sollte. Erinnern kann ich mich daran nicht, sie hat es mir erzählt.
Nehme im Rausch Tabletten und wähle selbst den Notruf.
„Die kenn ich!“ sagt die Sanitäterin, als sie mit ihrem Kollegen ins Haus kommt. Sie ist lieb zu mir – beide sind es. Meine Mutter küsst mich, dann gehe ich. Dem Sanitäter erzählt sie, ich sei schon länger in einer starken Krise, hätte den Ausbildungsplatz verloren.
Wir wohnen in einer kleinen Stadt, und ich bin wohl eher jemand, an den man sich erinnert. Jedenfalls mit dieser Art von Erkrankung.
Sie hat mich schon einmal gefahren. Das war knapp 2 Jahre her.
„Da bist Du uns nämlich zusammen gebrochen“ sagt sie. Sie klingt besorgt und scheint heilfroh, mich ohne Zwischenfall der Intensivstation übergeben zu können.
Die 2 Jahre davor hatte ich einen Krampfanfall bekommen, als sie mich – schon im Krankenhaus angekommen – auf die Toilette begleitete.

48 Stunden Intensiv, ohne Zwischenfälle. Meine Mutter besucht mich und wir spielen Karten.
Sie erkennt eine Krankensschwester wieder.
Als ich vor 2 jahren schon einmal auf der Station lag, hatte diese meine Mutter gefragt, warum ich krank sei. Sie erzählte meiner Mutter, ihr Sohn wäre ebenfalls Borderliner.
Diesmal spricht meine Mutter sie an. Sie war ihr dankbar, für die Offenheit vor 2 Jahren. Die Schwester wirkt pikiert. „Mein Sohn ist kein Borderliner mehr“ sagt sie nur und wendet sich ab.
Ich werde in die psychiatrische Ambulanz gefahren, 70 kilometer weit, in der ich erzähle, dass es ein einmaliger Rückfall nach 2 Jahren war und darf gehen.

Ich bekam nichts hin, was ich mir vornahm. Alpträume nachts, und Panikattacken/Anspannungszustände tagsüber. Wieder Tabletten, wieder Krankenhaus. Mein Pullover wird zerschnitten und keiner erklärt mir, wieso, weil ich die ganze Zeit ansprechbar bin.
Intensivstation.
Psychiatrie und nach 3 Tagen gehe ich.

In der Schule konnte ich eines Tages nicht mehr. Ich war körperlich so geschwächt, durch den hb. Ich war totenbleich und kam kaum zu genug Atem.
Da ich meine Arbeit verloren hatte, wurde meine Stelle neu besetzt. Das war schlimm für mich, riss mir den Boden unter den Füßen weg.
Ich mochte sie. Ich wäre gern gewesen wie sie. Auch meine ehemalige Mitauszubildende hing nun nurnoch mit ihr rum und nicht mehr mit mir.
Der Selbstwert lag bei null.
Kein Wunder, dass sie Dich loswerden wollten!
Wie Du aussiehst!
Eine breite Narbe machte mich irre!
Wenn ich sie ausschneiden würde und es neu vernähen ließe, müsste es schmäler werden, überlegte ich.
Es KONNTE nur besser werden!
Ich ging nach hause, verletzte mich.
Ging mechanisch zum nähen.
Eh alles egal.
Ich kannte die Ärztin nicht. „Ich wollte eigentlich nur, dass die Stelle besser aussieht“ sagte ich.
„Naa, wenn ich bös wär, würd ich jetzt sagen, da müssen Sie noch an Ihrer Schnittführung arbeiten“ erwiderte sie. Ich kicherte, entspannte mich.
Sie musste dann in den OP und eine andere sollte das Nähen übernehmen.
Auch diese kannte ich nicht, sie schien mir gestresst.
„Und wenn Sie zuhause sind schneiden Sie sich den anderen Arm auf oder was!?“
Ich kenne es schon von anderen Menschen, dass jedes Wort der Deeskalation nur neuen Zündstoff gibt, also schwieg ich und es half.
Sie meinte, ich bräuchte eine Therapie. „Sie sind schwer krank!!!“
„Ich weiss“ sagte ich um sie runter zu bringen. Wieder Erfolg.
Ich bin wohl talentiert dafür, schimpfende und wütende Menschen runter zu bringen. Ich musste häufig wachsam sein, meine Umwelt beobachten und nach Menschen Ausschau halten, die mir gefährlich werden konnten.
Damit habe ich leider VIEL Erfahrung!
Ich handle dann instinktiv und es klappt.
Früher hing von meinem Erfolg viel ab.
Scheiterte ich damals, waren die Folgen immer verheerend.

Ich fragte sie, ob es möglich wäre, eine alte, jedoch offene Verletzung auszuschneiden und neu zu vernähen, „aus medizinischer Sicht? Weil dann wärs ja auch zu“ versuchte ich es.
„Sie schneiden da gar nicht mehr dran rum – jetzt reichts mir aber!“ kochte sie wieder hoch.
„Ich will Sie nicht verärgern“ beschwor ich sie. Fühlte mich wie so häufig verängstigt, traurig und fertig. In mir selbst überfordert.
„Ich würde meine Seele verkaufen, wenn diese Verletzung zu wär!“
Sie nähte meinen Arm und ständig rissen die Fäden aus. Ich hatte das Gefühl, ihre Anspannung körperlich zu spüren und somit stieg auch mein Stresslevel immer höher.
Als ich endlich draußen war, fühlte ich mich zittrig und panisch.
Weinerlich.
„Es ist vorbei“ versuche ich dieses innere Kind zu beruhigen, doch es klappt nicht.
Möchte schlafen, doch es klappt nicht.
Blutverlust erschöpft. Nach einer Verletzung schlafe ich gut und angstfrei.
Ein Grund mehr, die Korrektur/Verschönerung mal wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Den hb blende ich mal lieber aus.
Ich bekomme Schiss, weil ich dabei viel Blut verliere, aber ich kann nicht aufhören!
Bin noch nicht fertig.
Also rufe ich beim Notruf an und lehne meine Zimmertür an, falls ich umkippe. Ich kippe nicht um – schaffe es sogar die Treppe runter.
Zwei Sanis stehen vor der Tür.
„Tut mir leid, dass ich angerufen hab. Es hat nur so geblutet, und ich hatte Angst, dass ich umkippe“ meine ich. Ich halte mich total geschwächt am Türrahmen fest.
„Schaffen Sies noch zum Auto?“
„Ja“
Dem anderen Sani ist die Sache zu heiß, er holt für die 5 Meter den Rollstuhl. Ohnmächtig werde ich nicht, jedoch trübe ich immer wieder so stark ein, dass ich keine Kraft habe, zu kommunizieren.
Kurz vorm Krankenhaus lichtet es sich wieder und ich gebe meine Personalien etc. an.
Dann überrollt mich wieder die Erschöpfung und Übelkeit. Diesmal körperliche.
Ich werde verödet und bekomme es gar nicht so richtig mit. Ich sage das mit dem hb und der Arzt meint zur Schwester, sie soll bei mir Blut abnehmen.
Mein Zustand verbessert sich wieder und der Arzt sagt zur Schwester, Blut abnehmen sei doch nicht nötig. Das sehe ich anders, aber es ist mir egal. Schließlich wird es wieder schlechter und ich hänge am Tropf.
„Ihr hb ist bei 6,9“ informiert mich der Doc, als es wieder besser wird.
„Mist!“
„Und ich würd Sie gern über Nacht dabehalten“
Das hab ich schon kommen sehen. Obwohl der Heimweg geschätzt 400 Meter umfasst, hätte ich dies nie geschafft! Ich komme auf die normale chirurgische Station.
Aus „über Nacht“ werden 2 Tage in denen rein gar nichs passiert. Ich bekomme nichtmal Eiseninfusionen.
Es wird überlegt, mir Blut zu transfundieren, aber dann doch nicht.
Am Morgen des zweiten Tages gehe ich dann.
Bin nicht gerne im Krankenhaus!
Meine Anspannung steigt sowieso seit einem Tag wieder kontinuierlich deswegen, also nichts wie raus!
Schule!
Ich will in die Schule!
Aber mir ist übel ohne Ende.
Wenn Du Tabletten nimmst geht die Übelkeit weg und Du kannst in die Schule.
Dieser Gedanke scheint eine säuselnde Stimme zu haben, beruhigend, vertrauen erweckend.
Als würde mich jemand an die Hand nehmen und sagen „Komm mit, ich helf Dir. Ich pass auf Dich auf und hab Dich lieb“
Ich falle immer wieder auf sie herein.
Diesmal lande ich nach 2 Tagen erinnerungslosem Krankenhaus doch noch in der Psychiatrie. Trotz Magensonde mit Kohle ging es 2 Tage, bis ich wieder klar war. Nun bekomme ich doch eine Eiseninfusion und komme im Anschluss in die psychiatrische Ambulanz.
Ich schalte mein Handy ein. Ein Anrufversuch.
Aus dem Krankenhaus, in dem ich so oft war.
Ich rufe zurück. Es ist die Ärztin, die so unhgehalten war, als sie mich versorgte.
Sie habe sich über die Krankheit informiert und ich solle mich doch mal in der psychiatrischen Ambulanz melden, die kennen sich damit aus. Und wenn ich Hilfe bräuchte bei der Therapeutensuche solle ich sie anrufen.
Ich war sprachlos vor Rührung.
Das hätte ich nie erwartet! Voller Dankbarkeit meinerseits beendeten wir nach 8 Minuten das Gespräch.
Dann ging es wieder stationär.
Ziemlich unangenehm, so als Drehtür Patient.

Ich blieb 11 Tage auf der offenen Station. Die letzte Tablettenvergiftung war dort Ende Januar.
Mal wieder wurde die Übelkeit unerträglich und ich wollte an die frische Luft.
Die Tür war zu und ich sollte warten, da ich Oberarztgespräch hatte.
Ich konnte aber nicht warten und fragte, ob nicht jemand mit mir tauschen könne.
Nein, behaupteten die und ich wurde komplett hysterisch. „Ganz ruhig“ sagten die und ich schrie „Ja klar – Ihnen ist ja auch nicht schlecht!“
Ich hatte das bekannte Gefühl, mich körperlich aufzulösen.
Bad. Dusche.
Ich hielt meinen Kopf so lange unter das kalte Wasser, bis ich Kopfschmerzen bekam.
Dann war es besser.
Ich setzte mich in mein Bett und fühlte mich wie eine ängstliche 4jährige.
Die Pfleger und der Oberarzt merkten das natürlich und gingen dann wieder. Ich rollte mich zusammen und schlief ein.

3 Tage später intoxikierte ich mich.
Filmriss.
Als ich meinte, denken zu können, wollte ich unbedingt etwas intelligentes sagen um klar zu machen, dass ich okay war. Zwei Pfleger standen in der Tür und ich sagte mit voller Überzeugung: In 2 Tagen ist Nikolaus!
Nee, sagten die, wir haben schon Januar.
Mist!
Sie hatten die mittlerweile schon 6 Wochen alte Verletzung gesehen und holten einen Chirurgen dazu.
„Echte scheiß Krankheit, die Sie da haben!“ stellte er fest.
Oh mann, wie sehr das zutraf.
„Ja, das find ich auch“ ich lachte ein bisschen.

Zurück auf Station ging es auf die Geschlossene. Mein Horrorort – und da ich kein Zimmer hatte, war ich dem Wahnsinn hautnah ausgeliefert. Der Oberarzt sollte entscheiden, wo ich hin kam.
Zwei Stunden wartete ich. Es war ein AvD, der kam.
Der wollte mich auf der Geschlossenen.
Ich versuchte es erst ruhig und wurde dann sarkastisch. Es ist ein furchtbares Gefühl, jemandem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu
sein!
Willkommen in der Psychiatrie!
Glück hatte ich dann doch noch – der Oberarzt kam etwas später und gab grünes Licht.

Dennoch – ich hatte die Nase mal wieder endgültig gestrichen voll!
Ich hatte es satt, mir selbst derartig ausgeliefert zu sein, ich hatte keine Lust mehr, ständig in Todesangst zu leben. Ich hatte kein Interesse daran, nach 3 Jahren ohne Suizidversuch wieder dort zu landen – denn so, wie das Jahr begonnen hatte, würde es innerhalb kürzester Zeit subjektiv nur noch diese Lösung all meiner Probleme geben.
Ich entließ mich mit einem anderen im selben Alter.
Er sagte „Ich hab keine Lust mehr auf Psychiatrie, ich bin nicht mehr suizidal und ich will mein Leben endlich wieder selbst in die Hand nehmen“
Wow, dachte ich. Meine Worte!

Februar intoxikationsfrei, nahm ich mir vor!
Das klappte.
März verletzungsfrei, nahm ich mir vor.
Das hielt ich 21 Tage durch. Einen Tag später rief ich in einer Klinik an, um mich für das DBT Programm anzumelden.
Es war mein 2. stationärer Aufenthalt mit DBT. Jedoch in einer anderen Klinik als die vorherige – lediglich, weil die in dieser Zeit kaum Wartezeiten hatten.